Der Blog des Ratgebers für Gefangene

Hier arbeiten wir an einer Neuauflage des Antirepressionsstandardwerks “ Ratgeber für Gefangene mit medizinischen und juristischen Hinweisen“.

Dieses Buch wurde zuletzt 1989 aufgelegt. Als aktualisierbare Loseblattausgabe auf ca. 600 Seiten war es ein

„Versuch, die Grenzen einer bloß beschreibenden Situation der Gefangenen zu überschreiten, indem hier nicht nur Erkenntnisse über diese Institution [Knast] verbreitet werden sollen, sondern vor allem unmittelbar verwertbare, brauchbare Informationen für diejenigen, die ihr unterworfen sind.“ (aus dem damaligen Vorwort)

Der Knast drängt den/die einzelne Gefangene in ein isoliertes und fremdbestimmtes Leben. Der Ratgeber soll helfen, den Gefangenen Strategien zu vermitteln, um das Überleben im Knastalltag zu erleichtern. Darüber hinaus soll das Buch auch Freund_innen und Verwandten von Gefangenen Hilfestellungen leisten. Wir, die vorläufige Redaktion setzten uns aus Menschen die im Antirepressionsbereich tätig sind zusammen. Wir glauben, dass zwar der Ratgeber, nicht aber der Versuch die Mauern zu durchdringen an Aktualität eingebüßt hat. Deswegen wollen wir versuchen, das Buch auf den aktuellsten Stand zu bringen und neu aufzulegen.

Hierzu brauchen wir eure Hilfe. Das Buch ist so umfangreich und erfordert ein solches Maß an Fachwissen und Erfahrungen, dass wir es unmöglich alleine aktualisieren können.

Insbesondere sind wir auf die Mitarbeit von Menschen angewiesen, die bereits unmittelbare Erfahrungen mit dem System Knast gemacht haben.

Und jetzt hoffen wir auf Euch: Wir haben die alte Version des Gefangenenratgebers auf diesen Blog hochgeladen und ein Arbeitswiki eingerichtet. Wenn ihr Euch vorstellen könnt, an einem der Kapitel (18 an der Zahl) mitzuarbeiten, dann schreibt uns doch eine kurze Mail oder lasst selber alle im Wiki wissen, dass ihr an dem Kapitel arbeitet (damit es nicht mehrere gleichzeitig machen).

Vorwort

Einleitung

1. Die Festnahme

1.1. Der unmittelbare Zugriff

1.2. Die polizeiliche Vernehmung

1.3. Selbstsicherheit bei Festnahme und Vernehmung

1.4. Im Polizeigewahrsam

1.5. Vor dem Haftrichter

1.6. Im Transportwagen

2. Einlieferung in die Haftanstalt/ die ersten Tage

2.1. Die Aufnahmeprozedur in der U-Haft

2.2. Die Aufnahmeprozedur in der Strafhaft

2.3. Was mensch schon am ersten Tag erledigen sollte

2.4. Wenn du draussen Kinder zurücklässt

2.5. Die Haftbedingungen in der ersten Zeit (U-Haft)

2.6. Die Umstellung auf das Leben im Gefängnis

3. Die Gefangenen unter sich

3.1. Die Situation als Neuzugang- die erste Kontaktaufnahme

3.2. Gemeinschaftlicher Alltag

3.3. Was Gefangene gemeinsam tun können

3.4. Möglichkeiten, sich verlegen zu lassen

3.5. Die offiziellen Gemeinschaftsveranstaltungen

3.6. Gottesdienst, Seelsorge, religiöse Arbeitskreise

3.7. Die Gefangenenmitverantwortung oder Mitverwaltung

3.8. Anstaltszeitung- Gefangenenzeitung

3.9. Zum Verhältnis „politische Gefangene“– „soziale Gefangene“

3.10. Sexuelle Beziehungen im Männerknast

4. Einsamkeit und Isolation

4.1. Alleinsein in der Zelle

4.2. Überleben in der Isolation

5. Die Bewacher

5.1. Die „einfachen“ Ausichtsbeamten

5.2. Die Aufgestiegenen

5.3. Die Beamtengesellschaft

5.4. Der hohe Beamtenstab, der/die Anstaltsleiter_in

5.5. Der Beamtentyp

5.6. Der/Die Sozialarbeiter_in

5.7. Der/Die Psycholog_e_in

5.8. Psycho-Tests zur „Persönlichkeitserforschung“

6. Als Frau im Knast

6.1. Gefangene- Beziehungen untereinander

6.2. Gefangene- Schliesserinnen

6.3. Kinder im Frauenknast

7. Migrantische Gefangene im bundesdeutschen Gefängnis

7.1. Mit anderen migrantischen Gefangenen zusammenkommen

7.2. Wie mensch Sprachschwierigkeiten angehen kann

7.3. Selbstschutz gegen Benachteiligung und Rassismus

7.4. Schwierigkeiten im Kontakt nach draussen

7.5. Besondere rechtliche Probleme von migrantischen Gefangenen

7.6. „Migrant_innen im Starfvollzug“

7.7. Fristen im Ausländerrecht

8. Sicherheit, Ordnung, Disziplin

8.1. Hausstrafen

8.2. „Zwangs- und Sicherheitsmassnahmen“

9. Arbeit, Geld, Einkauf und Essen

9.1. Arbeit in U-Haft

9.2. Arbeit in Strafhaft

9.3. Die Arbeitsbedingungen

9.4. Geld

9.5. Einkauf und Essen

10. Kontakte nach draussen, Öffentlichkeit

10.1. Briefe

10.2. Kontakte zu Knastgruppen und anderen Initiativen

10.3. Zeitungen, Zeitschriften und Bücher von draussen

10.4. Besuche

10.5. Pakete

10.6. Urlaub, Ausgang, offener Vollzug

10.7. Presseerklärungen aus dem Knast

10.8. Leserbriefe

10.9. Beiträge für Alternativpresse

11. Das Verhältnis zu deinem/deiner Anwalt/Anwältin und die Prozessvorbereitung

12. Die Entlassung

12.1. Vor der Entlassung

12.2. Bei der Entlassung

12.3. Nach der Entlassung

12.4. Rechtliche Fragen

12.5. Schuldenregulierung

12.6. Formulierungshilfen

Krankheit – Medizinische Versorgung und Selbsthilfe

13. Wie mensch im Knast gesund bleiben kann

13.1. Gymnastik in der Zelle, Übungen für Muskulatur und Kreislauf

13.2. Atemübungen

13.3. Entspannungsübungen, autogenes Training

13.4. Massage, Selbstmassage

13.5. Fussreflexzonenmassage

13.6. Akupressur

13.7. Ernährung

13.8. Informationen zum Hungerstreik

14. Häufige Gesundheitsbeschwerden

14.1. Die unbestimmten Krankheiten und die „krankmachende Haltung“

14.2. Das „Verrücktwerden“

15. Häufige Gesundheitsbeschwerden

15.1. Störungen im Bereich der Verdauung

15.2. Beschwerden im Kopfbereich

15.3. Erkrankungen der Atemorgane

15.4. Rheumatische Beschwerden

15.5. Hautkrankheiten

15.6. Störungen im Urogenitalbereich (Harnwege, Sexualorgane)

15.7. Drogenentzug, Heroinentzug

15.8. AIDS

16. Frauenkrankheiten

16.1. Menstruationsbeschwerden, Massage- und Entspannungsübungen

16.2. Hinweise zur Schwangerschaft

16.3. Die Brustuntersuchung

16.4. Weitere häufigere Frauenbeschwerden

17. Verhalten bei akuten Notfällen

17.1. Lebensbedrohliche Erscheinungsbilder

17.2. Schock

17.3. Bewusstlosigkeit

17.4. Krampfanfälle, Vergiftungen

17.5. Blutungen

17.6. Verbrennungen, Erfrierungen, Stromschlag

17.7. Kopf und Hals

17.8. Herz, Kreislauf, Lunge

17.9. Speiseröhre, Magen, Darm

17.10. Erkrankungen der Galle, Leber und Bauchspeicheldrüse

17.11. Akute Erkrankungen der Niere, Harnwege und Sexualorgane

17.12. Akute bedrohliche Knochen-, Muskel- und Gelenkerkrankungen

17.13. Lebensrettende Massnahmen

18. Die Gefängnismedizin

18.1. Wie mensch sich gegenüber Sanitäter und Gefängnisärzt_innen verhält

18.2. Die medizinischen Gutachten

18.3. Wie mensch an eine_n Ärztin/Arzt von draussen rankommt

19. Verhalten bei drohender Psychatrisierung

19.1. Psychatrisierung, Behandlungsvollzug und Drogenknast

19.1.1. Zur Psychatrisierung über den Krankheitsbegriff

19.1.2. Verbindung von Psychatrie und Justiz- Justiz und Psychatrie

19.1.3. Gutachter_innen

19.1.4. Drogenabhängige im Knast

19.1.5. Möglichkeiten einer vorzeitigen Entlassung bei Drogenabhängigen

20. Bedrohliche Eingriffe in den Körper des/ der Gefangenen

21. Medikamente- Wirkungen und Nebenwirkungen

Rechtsbehelfe

22. Was mensch im Rechtsstreit mit der Justiz beachten muss

23. Die Rechtsmittel in der U-Haft

23.1. Übersicht der Rechtsmittel in der U-Haft

23.2. Beispiele mit Erläuterungen

23.3. Musterbegründungen für Anträge und Beschwerden

23.4. Literatur zum Vollzug der U-Haft

25. Rechtsmittelkosten und Prozesskostenbeihilfe

26. Allgemeine Rechtsmittel (U-Haft und Strafhaft

26.1. Die Dienstaufsichtsbeschwerde

26.2. Die Strafanzeige

26.3. Petition an den Landtag

26.4. Die parlamentarische Anfrage

26.5. Die Verfassungsbeschwerde

26.6. Die Menschenrechtsbeschwerde

Anhang

Kontaktadressen

Knastgruppen

Infoläden

Ermittlungsausschuss

Resozialisierungsvereine, Hilfsorganisationen, Beratungsstellen

Sonstige Organisationen

Kontaktadressen für Migrant_innen

Rechtsanwälte

Linke Buchläden und Verlage

Bibliotheken

Zeitschriften

Gefangenenzeitungen

Presseagenturen

Rundfunkanstalten

Überregionale Tageszeitungen

Alternativzeitungen

Frauengruppen, Frauenzentren

Schwulengruppen, Schwulenzentren

Jugendzentren

Mediziner-, Antipsychatriegruppen, Gesundheitsläden

AIDS-Hilfen

Vorbemerkung

Eine allgemeine Konzeption zur politischen Organisierung des Widerstands im Knast wird man in diesem Buch nicht finden – obwohl die politischen Meinungen der einzelnen Verfasser in den Texten nicht ausgeblendet sind.
Die Brauchbarkeit der Ratschläge wird für den einzelnen sehr unterschiedlich sein: Vieles wird für einen Gefangenen selbstverständlich Binsenweisheit sein. Manches wird vielleicht als übertrieben pessimistisch, anderes vielleicht als zu rosig dargestellt erscheinen. Das liegt dann daran, dass zwar alle eingeflossenen Erfahrungen authentisch – also echt – sind, sie sind aber nicht alle unbedingt verallgemeinerbar, nicht auf alle Knäste übertragbar – unter Umständen sogar Ausnahmefälle. Scheinbar zu optimistische, naive Ratschläge sollen auf die kleine Chance hinweisen, die auch in hoffnungs- und auswegslos erscheinender Situationen noch gefunden werden kann.
Wie man den Ratgeber lesen kann
Man kann ihn natürlich wie ein Buch von vorn bis hinten durchlesen. Das wird aber wahrscheinlich ziemlich anstrengend und bei manchen Kapiteln vielleicht auch langweilig, wenn man sie nicht akut braucht. Die Texte sind so verfasst, dass man jedes Kapitel – je nach Interesse – für sich lesen kann. Daneben sind manche Kapitel und Abschnitte in erster Linie zum Nachschlagen gedacht (man erkennt sie daran, dass sie kleiner gedruckt sind) – so vor allem der Rechtsmittelteil. Man kann aber auch das ganze Buch wie ein Lexikon benutzen. Dazu gibt es am Schluss ein ausführliches Stichwortverzeichnis. Im Anhang findest du viele nützliche Kontaktadressen sowie eine Liste mit Buchempfehlungen zu den verschiedenen behandelten Problemen. Wir haben uns bemüht; in einer verständlichen Sprache zu schreiben. Das ist aber nicht so einfach, wenn so viele Leute daran mitgeschrieben haben. Sollte der eine oder andere Abschnitt zu abstrakt und unverständlich geschrieben sein, so wirf das Buch nicht gleich weg, sondern lies in einem anderen Abschnitt weiter.
Wie man den Ratgeber verändern kann
Für uns ist der Ratgeber kein vollkommenes und vollendetes Werk, sondern ein Experiment, das sicher noch sehr unfertig und fehlerhaft ist und auch sein muss. Sollte sich dieses Buch als brauchbare Überlebenshilfe erweisen, so sollte es sich längerfristig weiterentwickeln.

4 Vorbemerkung
Wir bringen das Buch als Loseblattsammlung heraus, damit wir die Erfahrungen der Gefangenen mit diesem Buch durch Ergänzungen und Veränderungen berücksichtigen können.
Das setzt voraus, dass die Leser den Ratgeber selbst verändern: Kritik, Verbesserungs- und Ergänzungsvorschläge und natürlich auch
Zustimmung sollte deshalb an die folgende Kontaktadresse geschickt werden:
Redaktion Knastratgeber
c/o LIBERTÄRE ASSOZIATION
Verlag robert jarowoy ottensener hauptstrasse35 2000 Hamburg 50

Einleitung
Ein Tag in der Untersuchungshaft
6.30. Ein kurzes Hupsignal ertönt. Du hast 30 Minuten Zeit wach zu werden, aufzustehen, dich zu waschen, anzuziehen. Dann wird die Zelle aufgeschlossen. Ein Beamter und ein Kalfaktor bringen das Frühstück. Kaffee, Brot, Margarine, Wurst oder Käse. Wer einfach weiter schläft bekommt nichts. Die nächsten drei Stunden allein in der Zelle.
Um 10.00 Uhr Hofgang. Eine Stunde im Kreis laufen. Oft nur eine knappe halbe Stunde. Aber du bist mit anderen zusammen. Wieder in die Zelle. Um 12.00 Uhr „passiert“ wieder was: Mittagessen wird ausgegeben. Irgendwas Verkochtes.
Dann fünf Stunden nichts. Nur scheppernde Geräusche aus dem Zellenflur.
Um 17.00 Uhr Abendessen und dann Nachteinschluss. Um 22.00 Uhr geht das Licht aus.
So sieht ein durchschnittlicher Tag in der U-Haft aus. Zumindest in der ersten Zeit, wenn man noch keinen Zugang zu Gemeinschaftseinrichtungen hat. Die Zeiten sind natürlich je nach Knast verschieden. Was noch wöchentlich dazukommen kann: Einkauf, eine oder mehrere Gemeinschaftsveranstaltungen, die sogenannte Freizeit, d.h. Aufenthalt in Gemeinschaftsräumen oder Aufschluss der Zellen, sonntags der Gottesdienst.
Die Stunden dazwischen bist du dir selbst überlassen. Zellenarbeit ist auf Antrag möglich. Gemeinschaftsarbeit dagegen so gut wie nie.
Ein Tag in der Strafhaft
Um 6.30 Uhr ein kurzer Hupton. 30 Minuten Zeit aufzuwachen, aufzustehen, waschen, anziehen. Dann die Frühstücksausgabe. Wer einfach weiter schläft bekommt unter Umständen Ärger. Denn um 8.00 Uhr geht’s zur Arbeit. Eine Stunde an der Drehbank in der Werkhalle oder am Schraubenzieher in der Zelle. Die Zelle ist hier meist eine Gemeinschaftszelle. Dann eine Stunde Hofgang.
Und wieder an die Arbeit, die man höchstens mal durch einen Arztbesuch unterbrechen kann.
Um 11.30 Uhr Mittagessen für die Zellenarbeiter und um 12.00 Uhr
Mittagessen in der Kantine für die in den Arbeitsbetrieben.
Um 17.00 Uhr ist die Arbeit zu Ende. Halbe Stunde später Abendessen
in der Zelle.
Danach: Sporthof, Deutschkurse für Ausländer, „Bewährungshilfekurse“
und ähnliches. Am Abend Aufschluss oder Skat und Fernsehen im Gemeinschaftsraum.
Um 22.00 Uhr gehen die Lichter in den Zellen aus. Ein typischer Tag in der Strafhaft ist vorbei.
Es kommen noch wöchentlich dazu: Einkauf, Kurse und ähnliches. Vielleicht auch mal ein Besuch von draußen.
Warum U-Haft und Strafhaft so verschieden sind
Die Tagesabläufe von U-Haft und Strafhaft erscheinen, wenn man sie so aufgelistet gegenüberstellt, ziemlich ähnlich. Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings die Arbeit, die in der Strafhaft den Tag bestimmt. In der U-Haft ist es das Alleinsein.
Es gibt auch noch einen rechtlichen Unterschied: In der U-Haft bist du noch als unschuldig anzusehen. Du sollst nicht bestraft werden, sondern nur zur Bestrafung zur Verfügung stehen, wenn es soweit ist. In der Zeit dazwischen sollst du möglichst die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft fördern, damit du nicht umsonst in der Untersuchungshaft warst.
Was für dich den Hauptunterschied ausmacht, liegt jedoch jenseits von organisatorischen und rechtlichen Dingen. Es sind in erster Linie die eigenen Erwartungen, Hoffnungen, Ängste und die der Mitgefangenen.
In der U-Haft beschäftigt man sich mit dem anstehenden Strafprozess, wird vielleicht von einem Anwalt besucht, kann hoffen bald oder nach dem Prozess wieder raus zukommen. Die Anstalt ist eine Durchgangsstation in die Freiheit oder in die Strafanstalt. Man riskiert mehr Widerstand, weil man noch ungebrochen und aggressiv ist. Weil man langfristig nicht auf den guten Willen von Beamten und Anstaltsleitung dieses Knastes angewiesen ist.
Oder man traut sich weniger, weil man noch unter dem Schock der Festnahme und der Trennung leidet, Angst vor dem Prozess hat, nicht weiß, was mit einem geschieht und was mit einem wird, was draußen mit Familie. Kindern. Freunden wird.

Einleitung
Die Mitgefangenen wechseln laufend. Man kommt nur wenig mit ihnen zusammen und kennt sie daher kaum.
In der Strafhaft weiß man. woran man ist. Man weiß, wie die nächsten Monate oder Jahre aussehen werden. Man weiß, wann man wieder raus kommt und kann sich darauf einrichten. Man lernt die Mitgefangenen besser kennen, kann mehr miteinander machen. Man lernt auch, die Beamten zu durchschauen.
Aber man lernt auch, sich gerade mit diesen Beamten zu arrangieren, weil man weiß, dass man mit ihnen noch lange auskommen muss. Man lernt den Mitgefangenen auch als Rivalen kennen, wenn es z.B. darum geht einen guten Posten in der Bibliothek oder einen Platz in der Sportgruppe zu erheischen. Man weiß, dass man früher raus kommen kann, denn es gibt ja die Bewährung nach der Strafe und man richtet sich darauf ein. Man kann sich nicht vorstellen, dass das Monate und Jahre so weitergehen soll und man weiß nicht, woran man ist.
Das ist alles, was dir der Knast zu bieten hat. Dabei fehlt jedoch das Wichtigste: Das, was du tun kannst, um in diesen mechanischen, von der Anstalt beherrschten Tagesablauf einzugreifen. Wie du mit dem Eingesperrtsein fertig werden kannst. Was du mit den Mitgefangenen gemeinsam tun kannst, um das alles durchzustehen. Vor allem damit .beschäftigt sich dieses Buch.
Die Festnahme
Von der Polizei festgenommen zu werden, ist ein Schock, der den ganzen Körper durchläuft Niemand kann dabei ruhig bleiben, denn es geschieht meist zu plötzlich, als dass man sich darauf vorbereiten könnte, und es ist für ein Schicksal zu einschneidend, als dass man es gleichgültig hinnehmen könnte. Auch dieses „Spiel“ hat aber Regeln, die man kennen sollte, um nicht den Kopf zu verlieren, wenn es soweit ist.
1.1 Der unmittelbare Zugriff
Spätestens jetzt wirst du dich über deinen eigenen Leichtsinn ärgern, wenn man dein Notizbuch mit Adressen und Telefonnummern deiner Freunde in deiner Tasche findet. Auch dann, wenn die Adressen codiert sind: die zu entschlüsseln ist für die Kripo Routine. Frag du dann die Polizisten nach Namen, Dienstgrad und Nummer, damit du später bei Zeugenaussagen etc. noch weißt, wer das war, mit dem du bei der Festnahme zu tun hattest. Dann frag nach dem Grund der Festnahme. Sag aber nichts, wenn du keine oder eine blöde Antwort bekommst. Wenn du etwa anfängst: „Ich war doch die ganze Zeit arbeiten und gestern Abend in der Kneipe X, Was soll da passiert sein?“ können sie oder der Staatsanwalt oder Richter später mit tausend Sachen kommen wie: „Sie gehen wohl häufiger in die Kneipe X. Kennen Sie da jemanden, wahrscheinlich doch den Y, oder?“
Und denke immer daran: Du bist nervös, fühlst dich allein, bist vielleicht überrascht – möchtest raus aus dieser Situation und sagst dann vielleicht Sachen, die dich für Jahre in den Knast bringen können – vielleicht so ganz nebenbei durch ein Gespräch im Polizeiwagen. Versuch die ganze Zeit so ruhig zu wirken, dass neben deinem „kein Wort sagen“ auch das übrige Verhalten keine Anhaltspunkte über dich liefert: Nicht sehen lassen, dass du Angst hast, nervös bist vom Rauchen, von Drogen abhängig. Das sind alles Reaktionen, die sie dann gegen dich einsetzen können. Mach dich auch von dem inneren Zwang frei, der Übermacht trotzen zu wollen, indem du Widerstand leistest, Empörung äußerst oder über Recht und Zweck der Aktion diskutierst. Widerstandshandlungen jeder Art (also auch Anrempeln oder Beschimpfungen) werden dir in dieser Situation Anzeigen einhandeln (Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung oder Beleidigung). Allerdings bist du vor solchen Anzeigen auch dann nicht sicher, wenn du dich zurückhältst.
Zusammengefasst: Unmittelbar bei der Festnahme machst du grundsätzlich gar nichts, zumindest nicht aktiv. Du wartest ab, was passiert. Es ist besser, abzuwarten, als am Anfang gleich was Falsches zu machen. Gleichzeitig aber versuchst du, alles genau zu beobachten und zu behalten und wenn es möglich ist, zu notieren, was gesagt und getan wird. Stell dir in Gedanken vor, dass du jetzt mit Freunden zusammen bist und ihnen den Vorfall genau schilderst. Vor allem merke dir die Namen und den Dienstgrad der Beamten. Deine einzige Stärke kann sein, dass du schon etwas über sie weißt, sie aber nichts von dir. Und rechne von vornherein erst mal damit, dass du in Haft kommst. Versuch nicht, dies um jeden Preis zu vermeiden. Der Preis ist dann leicht noch mehr Knast!

Vor allem wenn die Festnahme mit vorgehaltener Waffe erfolgt, so vermeide alles, was als Angriff oder Gegenwehr ausgelegt werden könnte, hastige Bewegungen, Griff in die Tasche. Sag ihnen möglichst ruhig, sie sollen deinen Sicherheitsgurt vom Auto selbst lösen, sollen sich den Ausweis selbst aus deiner Tasche holen.
Achte aber darauf, dass du sie nicht provozierst, sie nicht aufbringst. Das Beste ist, alles ganz ruhig und bedächtig abzuwarten. Mach dir unter keinen Umständen die Ungeduld oder Eile der Beamten zu eigen. Besteh von Beginn der Festnahme an darauf, dass du einen Anwalt deines Vertrauens verständigen kannst oder er benachrichtigt wird. Man sollte deshalb immer wenigstens eine Telefonnummer und ein paar Groschen dabei haben. Auch wenn die Polizisten in den meisten Fällen geflissentlich, darüber hinweg hören. Falls sie dir schon jetzt Fragen stellen:
Die einzige Aussage, zu der du verpflichtet bist, sind die Angaben zur Person. Dazu gehören Name, Geburtsdatum und Ort; Beruf, Familien-Stand und Staatsangehörigkeit. Dagegen: wo du arbeitest, mit wem du wohnst und wieviel du verdienst, von wo du gerade herkommst und wohin du gerade gehst, geht die gar nichts an und du kannst diese Sachen beruhigt und rechtmäßig verschweigen!

1.2. Die polizeiliche Vernehmung

Nach der Festnahme findet nun das polizeiliche Verhör auf dem Revier statt. Dabei musst du dir unbedingt klar darüber sein: Entweder man sagt gar nichts, was generell am besten ist, oder man nennt sein Alibi, wenn man ein sicheres hat und mit der eigenen Aussage niemand anderen in Gefahr bringt (ist vor allem wichtig, wenn du mit mehreren zusammen einfährst), Dies kannst du jedoch nie richtig überblicken.
Deshalb immer erstmal: keine Aussagen. Wenn du Glück hast, erwischt du einen Beamten, der nicht sonderlich unglücklich darüber ist, weil du ihm damit die Arbeit ersparst, ein Vernehmungsprotokoll zu schreiben. Kurz nach der Festnahme bist du natürlich erstmal aufgeregt, sauer und vielleicht auch niedergeschlagen und erschöpft. Diesen Zustand versuchen die Vernehmungsbeamten erfahrungsgemäß für sich auszunutzen, d.h. sie setzen dich mal unter Stress, mal behandeln sie dich richtig freundlich mit Kaffee und Zigaretten und so, um dich „weichzukochen“. Diese Art von nervlichen Wechselbädern soll dich mürbe und müde machen, damit du möglichst schnell möglichst viel‘ aussagst. Somit haben sie nicht allzuviel Arbeit mit dir (auch für Polizisten ein wichtiger Aspekt, denn auch die sind faul), und andererseits können sie Erfolge vorweisen, was wiederum gut für ihre eigene Psyche und Beförderung ist. Deine Situation und die der Vernehmer gegenübergestellt, sieht dann so aus:
sie arbeiten mit genauen Instruktionen, Taktiken und Erfahrung

die Polizisten können sich beraten und bei veränderter Lage neue Instruktionen ein­holen

sie wissen das und nutzen es aus

sie sind cool und darauf gedrillt, deine Nervosität und Unsicherheit zu ihren Gunsten auszunutzen
sie haben davon eine genaue Vorstellung

sie rechnen damit und hoffen, dass sie dich weich kriegen.

(angelehnt an Eschen/Sami, Wie man gegen Polizei und Justiz die Nerven behält, Rotbuch Verlag)

In dieser Situation sind dann viele bereit, auf das gesetzlich garantierte Recht der Aussageverweigerung zu verzichten. Du kannst jetzt aber gar nicht genau wissen, ob eine Aussage deine Situation letztlich bessert. Du solltest also deine Aussage auf jeden Fall später machen, d.h. beim Haftrichter., oder beim Haftprüfungstermin nach 14 Tagen, wenn du überhaupt vor der Gerichtsverhandlung was sagen willst.
Einen Anwalt verlangen
Gesetzlich hast du sofort nach deiner Festnahme ein Recht darauf, einen Anwalt zu sprechen. Allerdings wird es dir in der Regel nicht erlaubt. Trotzdem kannst.du ihn immer wieder fordern und auch klarmachen, dass du ohne Anwalt überhaupt nichts sagen wirst (was noch längst nicht heißt, dass du mit Anwalt etwas sagst).
Du solltest dir allerdings überlegen, ob du bereits in dieser Situation einen Anwalt hinzuziehen willst, oder ob du nicht vielleicht besser in der ersten Zeit ohne Anwalt auskommst..
Mit einem Anwalt bist du, obwohl er dir möglicherweise die nötigen Informationen verschaffen kann, gleich an Ort und Stelle gezwungen, dir ein Verteidigungskonzept zu überlegen, im schlechtesten Fall wird dein Anwalt ohne.dich agieren und du wirst überrumpelt, überlege dir, ob es nicht zweckmäßiger wäre, erst.einmal abzuwarten. Du solltest es jeden­falls vermeiden, dich auf eine Verteidigungskonzeption festzulegen, die in der ersten Aufregung in einem kurzen Gespräch mit dem Anwalt (den du meistens nicht kennen wirst) entstanden ist und die dich hinterher in eine schwierige Situation.bringt, weil sie sich dann möglicherweise nicht durchhalten lässt.
Wenn du keinen Anwalt kennst, legen dir die Beamten eine Liste vor, aus der du dir einen aussuchen sollst, öfters empfehlen sie dir sogar einen. Den solltest du auf keinen Fall nehmen, denn ein,von der Gegenseite empfohlener Typ kann wohl‘ kaum deine Interessen gut vertreten.
Staranwälte, die man aus der Zeitung kennt, sind in erster Linie enorm teuer und rühren erst einen Finger für dich, wenn du entsprechend viel zahlst. Also versteif dich nicht auf die „Stars“, die sind auch keine Zauberer, die dich überall rausholen. Außerdem haben sie meistens einen Stall von angestellten Anwälten, die dann deinen Fall übernehmen und nicht der „Meister“ selbst, außer du bist ein presseträchtiger Sonderfall (darauf sollte man nie bauen). Man kann sich einen Anwalt aus dem Branchenverzeichnis aussuchen, den man dann anruft und bittet, zu sich aufs Revier zu kommen. Sag am Telefon aber lediglich, weshalb sie dich festgenommen haben, also nur: Verdacht des Diebstahls, Raub, Totschlag usw., und liefere keine eigene Version dazu, denn dann würdest du ja doch hintenrum eine Aussage machen.
Der Anruf bei einem Verteidiger hat auf jeden Fall den Vorteil, dass einer weiß, wo du bist und eventuell auch deine Familie benachrichtigen kann (was du ihm am Telefon am besten gleich sagst; allerdings keine Namen und Adressen von Leuten, die nicht absolut „sauber“ sind, sonst werden die auch noch gleich in deine Sache mit reingezogen).
Dieser Anwalt ist jedoch ein vollkommen Fremder für dich, dem du auch nicht sofort alles anvertrauen sollst; auf keinen Fall auf die Frage antworten, ,ob du es nun warst oder nicht“.
Vorsicht ist besser als Brummen.
Lass dich vor allem nicht vom Anwalt zu voreiligen Aussagen überreden, denn die „Mitarbeit“ eines Beschuldigten durch sein Geständnis erspart Polizei und Verteidiger Arbeit, dich kann das allerdings einiges an Geld oder Jahren kosten. Wenn du mit anderen eingefahren bist, lass dich auch nicht vom Anwalt gegen die anderen ausspielen, so etwa wie: „Sie sind doch nur der kleine Mitläufer, die anderen sind doch diejenigen, die …“
Also nochmal, sei verdammt vorsichtig mit einem fremden Anwalt, und wenn er in der weiteren Zeit nichts für dich tut, sieh zu, dass du ihn wieder los wirst. Notfalls wartest du ab, bis du in den Knast kommst und lässt dir dort von Mitgefangenen einen empfehlen. Du findest weiter hinten noch ein spezielles Kapitel über Anwälte. Außerdem ist im Anhang eine Liste mit Adressen, von empfohlenen Anwälten.
Die Vernehmungstaktiken
Die Polizei hat nun einige Standard-Verhörmethoden, die natürlich hier und da auch verändert und kombiniert werden. Bei den Verhören stellen sich die Vernehmungsbeamten natürlich auch auf die Verfassung ihres Opfers ein, d.h. sie beobachten genau deine Reaktionen, Nervosität, Schwitzen, Angst usw., und versuchen dich da zu treffen, wo sie meinen, dass du schwach bist. Versuch also nach außen so ruhig wie es geht zu wirken, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Die häufigsten Verhörmethoden wollen wir hier nun kurz darstellen:
„Harte Welle – weiche Welk“
Die bekannteste ist die Kombination „harte Welle.- weiche Weile“. Ein paar Beamte setzen dir richtig zu, verhalten sich aggressiv und fies zu dir(Schlagen, Beleidigungen)‘, eben genauso, wie man es erwartet. Man hat also eine Mordswut und auch Angst im Bauch.
Dann kommt einer, meist der Vorgesetzte, der die „Fiesen“ zurück pfeift, dich also im Moment sozusagen vor denen beschützt. Der ordert dann meistens Kaffee für dich, gibt dir ne Zigarette und unterhält sich erstmal sehr locker mit dir, ohne direkt auf die anstehende Sache zu kommen.
Manchmal erzählen so Leute, dass ihnen der Job ja auch stinkt und sie viel lieber aufhören würden, aber die Familie …, und etliche anderen Geschichten in dieser Richtung. Mach dich also auf alles gefasst! Der versucht dann also langsam aber sicher, ein Vertrauensverhältnis zwischen dir und ihm herzustellen, so dass du ihn für die einzige Stütze in dem Moment hältst. Lass dich bloß nicht einlullen. Denk immer daran, der Polizist hat den Job, dich zu verfolgen, nicht, dir aus der Scheiße zu helfen. Er ist daher unmöglich dein Kumpel, dem du dich anvertrauen kannst.
Das,, Gegeneinander-Ausspielen“
Wirst du mit anderen zusammen in derselben Sache festgenommen,
behaupten die Vernehmungsbeamten sehr oft im Laufe des Verhörs
irgendwann, dass die anderen schon alles gestanden hätten und du dich jetzt durch Schweigen nur noch mehr belasten würdest.. Oder als Steigerung davon wird behauptet, du seist von den anderen belastet worden,
was die (dir natürlich wohlgesonnenen) Herren Vernehmungsbeamten
gar nicht glauben können, du solltest jetzt also mal erzählen, wie es
wirklich war … /
Ein Vernehmungsbeamter versucht – das ist sein Job – mit allen Mitteln ein Geständnis zu bekommen. Er nimmt es dabei mit der Wahrheit oft nicht so genau. Sei vorsichtig; glaub erst mal nichts
Das „belastende Material“
Nach dem gleichen Muster wird eventuell während der Vernehmung gesagt, man habe bei einer Hausdurchsuchung bei dir dies und jenes an belastendem Material gefunden, außerdem wisse man sowieso schon alles und du könntest ihnen also nichts mehr verschweigen, sondern nur das, was sie eh schon wüssten, bestätigen. Für diese Bestätigung versprechen sie dir, dass du sofort wieder nach Hause kannst, dir also eine längere Zeit Polizeigewahrsam und der Haftrichter erspart bleibt. Oftmals faseln sie auch von Strafmilderung oder gar, dass sie sich vor Gericht für dich einsetzen,
Lass dich nicht bequatschen! Das ist alles Unsinn! Ob du dem Haftrichter vorgeführt wirst, entscheidet der Staatsanwalt. Weshalb und wie lange du in den Knast kommst, entscheidet immer noch der Richter. Beide scheren sich einen Dreck darum, was dir die Polizei versprochen hat. Die Vernehmungsbeamten können dir leicht etwas versprechen, was sie nicht halten müssen; du musst es allerdings ausbaden, wenn du auf ihre Versprechungen hereingefallen bist,
Deine Eltern gegen dich ausspielen
Bist du Jugendlicher und wohnst du noch zu Hause, so versuchen sie oft, dich über deine Eltern weichzukochen. Sie sprechen von den armen, leidgeprüften Eltern, für die eine Welt zusammen bräche, wenn sie erführen, dass ihr Sohn mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Sie versuchen dir einzureden, dass deine Eltern über deine Dummheit, die Kumpanen zu decken, sicherlich schockiert sind, und wenn sie erstmal mit der Tour angefangen haben, lassen sie noch mehr Sprüche dieser Art los. Auch rufen sie des öfteren während der Vernehmung bei dir zu Hause an und übergeben dir dann das Telefon. Eine unerträgliche Situation – ganz besonders, wenn du ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern hast. Dein Vater oder deine Mutter am andern Ende der Leitung können das Ganze nicht fassen, werden aufgeregt und besorgt fragen, wie das denn alles möglich sei. Um sich selbst zu beruhigen, werden sie versuchen, soviel wie möglich von dir zu erfahren. Sie wollen hören, wie es denn nur dazu kommen konnte und dass alles nur ein tragisches Missgeschick ist und und und … Auch du spurst unter Umständen das große Verlangen, dich deinen Eltern mitzuteilen. Sind sie nicht seit langer Zeit die ersten, mit denen du wirklich reden möchtest, mit denen ein Gespräch möglicherweise nützlich wäre. Doch fang jetzt bloß nicht an, zu erzählen. Du bist nicht allein mit ihnen, vergiss das nicht! Mach das Gespräch kurz und sage ihnen, sie sollen sich mit deinem Vertrauensanwalt in Verbindung setzen – wenn du schon einen hast.

Nochmal generell zur Aussageverweigerung
Die totale Aussage Verweigerung darf bei einem Beschuldigten nicht zu seinem Nachteil gewertet werden. Sagst du jedoch auch nur ein Wort, so wird dies zu einem Beweismittel, das nach der Rechtsprechung der „freien richterlichen Beweiswürdigung“ unterliegt. Schweigst du nur zu manchen Fragen, so können sie daraus natürlich auch ihre Schlüsse ziehen. Deshalb: Schweigen! Du kannst eine Aussage nicht mehr widerrufen! Du kannst zwar eine zweite Aussage machen, mit der du der ersten widersprichst. Welcher der beiden Aussagen aber letztendlich Glauben geschenkt wird, ist dann Sache des Gerichts. Von jeder Vernehmung wird ein Protokoll gemacht, egal, ob du was erzählst öder nicht. Das sollst du dann unterschreiben, damit es seine Gültigkeit hat. Verweigere die Unterschrift, denn bei der Polizei ist es mit Unterschriften genauso wie bei Handelsvertretern an der Haustür: die unangenehmen Folgen von Unterschriften kommen nicht sofort, sondern erst später.
Schon viele haben sich in der Gerichtsverhandlung gewundert, was sie bei der Polizei nach dem unterschriebenen Protokoll alles ausgesagt haben sollen. Meistens lassen sie dir nicht genügend Zeit, das Protokoll durchzulesen und außerdem ist man nach so einem Verhör zu aufgeregt, um irgendetwas in Ruhe durchzulesen. Also Finger weg von der Unterschrift unter irgendetwas, was sowieso nicht deine Sache ist, denn es ist schließlich deren Protokoll und nicht deines!
Wichtig ist bei der ganzen Zeremonie, dass du dich nicht provozieren lässt zu Beleidigungen oder gar zu tätlichen Angriffen. Aktiver Widerstand bringt dir neben Beulen auch noch sehr leicht eine Anzeige wegen Beleidigung oder Widerstand gegen die Staatsgewalt. Daher reagierst du auf deren Angriffe am besten mit Passivität, d.h. wenn sie dich schlagen, versuche die empfindlichsten Körperteile (Geschlechtsteile, Kopf, Nieren) so gut es geht abzudecken und schrei so laut du kannst, damit auch andere hören, was mit dir geschieht, denn das haben die Vernehmungsbeamten auch nicht so gern. Du bist nach der Festnahme in einer total beschissenen Situation, die du natürlich so schnell wie möglich beenden willst. Da du ja nicht von dir aus bestimmen kannst, warm du und wie du wieder wegkommen kannst, meinst du natürlich, irgendetwas für die Freiheit anbieten zu müssen. Eine Geschichte über dich, oder besser noch über jemand anders erscheint da leicht der schnellste und schmerzloseste Ausweg. Das ist allerdings genau falsch, denn wenn du erstmal am erzählen bist, lassen die nicht locker, bis sie haben was sie wollen. So beschissen das ist, aber sie sitzen nun mal in der Situation am längeren Hebel und haben jede Menge Zeit. Wenn die Polizisten das Gefühl haben, dich weichkochen zu können oder schon weich zu haben, fragen sie dich immer weiter, schließlich ist das für sie auch die einfachste Art, an Informationen zu kommen.Versuch also nicht, dem sehr verständlichen Drang nachzugeben, von dir aus etwas zu unternehmen, um die Gefangenensituation zu beenden, außer du kannst durch Wände laufen . . .
Und denke immer daran: Die Vernehmungssituation beginnt nicht erst im Vernehmungszimmer vor der Schreibmaschine der Protokollantin -sie ist immer da, wenn dir ein Beamter gegenübersitzt: im Streifenwagen, im Flur des Polizeireviers, überall.

1.3. Selbstsicherheit bei Festnahme und Vernehmung

Die Polizisten versuchen, dich unsicher zu machen. Sie bemerken an dir (oder nehmen es einfach aus Erfahrung an) eine innere Unsicherheit, eine Art schlechtes Gewissen, ein Gefühl der Minderwertigkeit. Dieses Gefühl wird von ihnen provoziert, indem sie dich wie den letzten Dreck behandeln: du wirst in eine verdreckte, stinkende Zelle geworfen, du musst aus einer Plastikschüssel essen . .. man geht so achtlos wie nur möglich mit dir um oder man schlägt .dich sogar. Man nimmt deine Fingerabdrücke ab und macht ein Verbrecherfoto von dir. Sie versuchen dich in eine niedergedrückte, eingeschüchterte Stimmung zu bringen, indem sie dich wie einen lästigen, schmutzigen Gegenstand behandeln: Na komm schon her du Bürschchen! Stell dich da hin! Gib deine Pfoten her. . ..‘ Pack dich mal dahin . . ..‘“ Umgekehrt zwingen sie dich, deine Ohnmacht und Minderwertigkeit scheinbar zu bestätigen, indem du mit allen deinen physischen Bedürfnissen, Essen, Trinken, Schlafen, aufs Klo gehen, auf sie angewiesen bist. Sie können sich taub stellen, wenn du aufs Klo musst, wenn du schlafen willst, wenn du Hunger hast, wenn du eine Zigarette rauchen willst. Weil du weißt, wie ohnmächtig du ihnen gegenüber bist, wirst du versuchen, wenigstens für deine physischen Bedürfnisse zu sorgen. Aber auch das nehmen sie als Gelegenheit, dich zu „drücken“, einzuschüchtern. Sie entwickeln eine ganze Skala von Quälereien. Sie machen sich lustig über dich, zeigen ihre Verachtung für dich und deinesgleichen. Diese Schmähung der Gefangenen durch ihre Bewacher ist ein. uraltes Ritual.
Der Zustand in dem sie dich haben wollen
Diese Schmähung dient vor allem dazu, den äußerlich Überwältigten auch noch die innere Widerstandskraft zu nehmen. Der innere Widerstand, die persönliche Würde und die Selbstachtung eines Menschen sollen nichts mehr finden, worin sie sich ausdrücken können. Man verfährt mit allen Verhafteten auf genau dieselbe Weise, mit einer sozialen Verachtung gegenüber der Unterklasse, aus der sie meistens kommen. Oder auch mit einem politischen Hass gegen denjenigen, der das System bekämpft, das auf solche Beamtenexistenzen angewiesen ist. Du bist als Mensch nichts mehr, du bist nur noch ein verachteter Typus, ein Schädling, ein überflüssiges, niederes Wesen. Diese Überflüssigkeit wird dir ständig vor Augen geführt. Und das allein kann dich schon dazu bringen, dass du aufgibst, weil du diesen Zustand nicht erträgst. Du wirst bemerken, dass die innere Unruhe, die du schon die ganze Zeit gefühlt hast, sich immer mehr steigert, so sehr du auch dagegen ankämpfst. Etwas wie ein Fieber hat dich gepackt, du fühlst dich, als hättest du viel zu viel Kaffee getrunken. Du zitterst, du sprichst nicht mehr deutlich, sondern leise, gequält, mit zugeschnürter Kehle. Du bist, ohne dass du es willst, bereits in dem Zustand, in dem sie dich haben wollen.
Versuche dich zu beruhigen
In diesem Zustand spricht alles, was du sagst, von vornherein gegen dich – denn sie bemerken daran hauptsächlich deine Unsicherheit und deine Angst. Sie werden dir also erst recht zusetzen.
Was dich in diesem Moment nur vor ihnen retten kann, ist: Schweigen! Vollkommen stumm werden!
Versuche dich zu beruhigen, indem du dir sagst: Es kann mir nichts passieren, solange ich nichts sage, wovon sie ein Protokoll schreiben können. Solange ich nichts sage, existiert der Vorgang nicht in den Akten. Er kann also gar keine Auswirkungen haben. Versuche einen festen Punkt in deinen Gedanken zu finden, von dem du weißt, dass er dich beruhigen und dein Selbstvertrauen stärken wird. Fixiere dich auf diesen Punkt. Versuche dir vorzustellen, was in deinen Peinigern vorgeht – worauf sie aus sind: auf Beförderung, Gehaltserhöhung? Du wirst es vielleicht an ihren Gesprächen merken. Es sind die gleichen Gespräche wie in allen Büros, die sich um Wohnung, Möbel, Auto und Urlaub drehen. Versuche dir das Privatleben aller dieser Leute vorzustellen, wie langweilig und ohnmächtig ihr Leben ist.
eine Phantasie als „Notwehr“
Sie versuchen, dich kleinzukriegen. Dem kannst du aber deine ganze Phantasie entgegensetzen. Du kannst dir vorstellen, wie klein sie sind.Beispiel vorstellen, wie dein Vernehmer von seinem Chef heruntergemacht wird, weil er keine Aussagen vorweisen kann. Sieh ihn dir an und stelle dir vor, wie er dann schwitzen wird. Stell dir vor, was alles passieren könnte, womit sich deine Peiniger selbst lächerlich machen können. Benutze deine Phantasie!
Konzentriere dich
Versuche regelmäßig, ruhig und tief zu atmen. Mache unauffällig einige Atemübungen (näheres dazu findest du in dem entsprechenden Abschnitt im medizinischen Teil des Buchs).
Wenn ein Fenster da ist, sieh hinaus, fixiere deinen Blick auf etwas, was du da siehst – einen Baum, eine Wolke – und beschäftige dich intensiv in Gedanken mit dem Baum, der Wolke, so als ob du sie zeichnen würdest oder in einem Aufsatz beschreiben wolltest.
Wenn du nichts siehst, weil kein Fenster da ist oder es Nacht ist, fixiere dein Gehör auf bestimmte Geräusche, z.B. das quäkende Funkgerät, oder hereindringenden Straßenlärm und versuche, dieses Konzentrieren so weit zu steigern, dass du „überhörst“, was sie sagen,dass es für dich völlig unwichtig wird.
Ein längeres Verhör übersteht man nur mit einem starken Gewissen, das einem sagt, dass man niemals eine Aussage machen darf, die andere belasten könnte. Und du weißt nie, wann das der Fall ist. Du kannst es in deiner Situation auch gar nicht wissen. Stell dir die Menschen vor, die du liebst und die du mit deiner Aussage vielleicht belasten würdest. Ein solcher Verrat würde bedeuten, dass du dann wirklich allein bist, während du jetzt nur im Moment allein bist. Versuche das Bild dieser Menschen, die dir etwas bedeuten, festzuhalten. So gut es geht.

1.4. Im Polizeigewahrsam .
Bevor du in ein Untersuchungsgefängnis kommst, bzw. dem Haftrichter vorgeführt, wirst du vielleicht ein, zwei Tage in Polizeizellen zubringen. Die Polizeizellen sind meistens schauderhaft verdreckt und gleichen am ehesten der verbreiteten Vorstellung vom Knast: Klappbett aus Eisen, oder nur ein Brett längs der Wand, keine Einrichtung, keine Sicht nach draußen, überall nur dreckige Wand und Eisen. Für jemanden, der noch nie im Knast war, ist das ein ziemlicher Schock. Er glaubt natürlich, dass es im Knast genauso aussähe. Das ist auch der Zweck der Sache. Im Polizeigewahrsam wirst du noch einmal registriert.Wenn es bisher noch nicht geschehen ist, so musst du damit rechnen, zur Erkennunigsdienstlichen Behandlung (ED) geholt zu werden.
Dort werden dann deine Fingerabdrücke abgenommen und die Verbrecherfotos gemacht – notfalls mit Gewalt. Gegen entstellende Grimassen können sie allerdings nicht viel unternehmen.
Du kannst gegen die ED-Behandlung deinen Einspruch zu Protokoll geben, aber verhindern tust du sie damit jedoch nicht. ( Wichtig ist, bei einer evtl. bei dir vorliegenden schweren Krankheit, diese % sofort zu Protokoll zu geben und die sofortige Untersuchung durch einen e Arzt zu verlangen. Auch in den Polizeizellen bist du mit anderen Gefangenen zusammen. Die Polizeizellen sind meistens überfüllt, Und i eine Trennung der Gefangenen gelingt selten, weil dafür die Zellen nicht i ausreichen. So erfährst du manches, was dich interessiert. Meistens hast du auch noch Rufkontakt zu denen, die mit dir festgenommen worden sind. Lass dich nicht von da2wischenbrüllenden Bewachern daran hindern.
Aber sei auch, gegenüber Mitgefangenen vorsichtig. Du musst mit allen Tricks rechnen, auch damit, dass Mitgefangene oder angebliche Mitgefangene auf dich angesetzt werden. Rede mit ihnen über alles, nur nicht über dein Verfahren.
Die Polizeizelle erscheint dir aber auch erstmal erlösend, denn du bist die ewig fragenden Vernehmungsbeamten los; du kannst also erstmal Luft holen. Allerdings weißt du nicht, was wird und ob schon irgendjemand deine Familie oder Freunde von deiner Verhaftung benachrichtigt hat usw. . ; . . Dann ist es ganz besonders schwierig, Ruhe zu bewahren und keine Aussagen zu machen (falls sie dich noch mal zur Vernehmung holen), weil du dich vollkommen alleingelassen fühlst und unsicher und ängstlich bist, was jetzt draußen mit deiner Familie und bei deinen Freunden passiert.
Manchmal holen die Vernehmungsbeamten einen nochmal nachts aus der Zelle, um wieder zu „bohren“ und deine beschissene Lage auszunutzen. Versuche in der Zeit, die du in der Zelle allein bist, dich auf die Vorführung zum Haftrichter vorzubereiten, indem du dir lang und genau überlegst, wie du dich beim Richter verhalten willst.
1.5. Vor dem Haftrichter
Laut Gesetz muss ein Verhafteter bis zum Ablauf des nächsten Tages dem Haftrichter vorgeführt werden. Das heißt, wenn du zum Beispiel am Montag um 14.00 Uhr verhaftet wirst, musst du bis spätestens Dienstag 24.00 Uhr dem Haftrichter vorgeführt werden.Ähnlich wie diese Vorführung läuft auch ein Haftprüfungstermin ab, d>
auf deinen Antrag hin durchgeführt werden muss. Wenn du keine
Anwalt hast, muss die Haftprüfung auch ohne Antrag nach 3 Monate
stattfinden (§ 117 Strafprozessordnung).
Wenn du dem Haftrichter gegenüberstehst, kannst du verlangen, zuerst
mit einem Anwalt zu sprechen.
Du hast ein Recht darauf, dass eine weitere Person, die du benennst, von
deiner Verhaftung unterrichtet wird. Das kannst du entweder selbe machen, oder der Haftrichter macht das. Pass dabei auf, dass du nicht Personen nennst, für die es Vielleicht nicht so gut ist, mit dir in Verbindung gebracht zu werden. Gib also als Person deines Vertrauens an besten deine Eltern (sofern du noch was mit ihnen zu tun hast), deine Verlobte (wenn diese „Verbindung“ bekannt ist), Ehepartner, irgendwelche Verwandten oder die Wohngemeinschaft an. Aber möglichst nur Leute, von denen es sowieso bekannt ist, dass sie was mit dir zu tun haben. Gib deine Förderungen auf jeden Fall zu Protokoll und versuch dem Haftrichter klar zumachen, dass du ohne Anwalt überhaupt nichts sagst.
Du lässt dabei am besten im unklaren, ob du dann mit dem Anwalt eine Aussage machst oder nicht, denn dann bemüht sich der Haftrichter manchmal sogar selbst darum, dass der Anwalt, den du haben willst, auch herbei kommt.
Wenn du es für zweckmäßig hältst, dich auf überhaupt nichts einzulassen, ist die ganze Prozedur schnell überstanden: Du schweigst. Du sagst lediglich, dass du dich nicht äußern möchtest. Aus welchem Grund, kannst du für dich behalten. Unterschreib auch nichts. Du solltest daran denken, wenn du einen Anwalt hinzuziehst, dass der dann unvermeidlich für dich verhandeln wird.
Wenn du selbst den Anwalt und .(oder) die Person deines Vertrauens anrufen kannst, dann sag nur, dass du festgenommen bist und wo du bist. Auf keinen Fall über die Umstände der Verhaftung und weiteres am Telefon etwas sagen, denn dann fängst du schon ungewollt damit an, dein Schweigen zu durchbrechen. Auch auf Nachfragen am Telefon nicht reagieren, so schwer das auch fällt.
Der Haftrichter verliest dann den Haftbefehl – falls schon einer besteht – und fragt dich, was du dazu zu sagen hast.
Liegt allerdings noch kein Haftbefehl gegen dich vor, so nennt der Staatsanwalt das, was dir vorgeworfen wird, welche Vorstrafen du hast, welche Haftgründe er bei dir als gegeben sieht und beantragt, einen Haftbefehl gegen dich zu erlassen.
Für dich ist es wichtig, zu hören was dir genau-vorgeworfen wird und was bisher gegen dich ermittelt wurde, damit du weißt, woran du bist und was und wieviel die Staatsanwaltschaft gegen dich hat. Es ist sehr oft der Fall,dass die Staatsanwaltschaft nicht alles bei der Haftprüfung rausläßt, was sie gegen dich ermittelt hat, oder sie täuscht mehr Erkenntnisse vor, als sie tatsächlich besitzt, oder sie will einfach ein A im Ärmel! behalten. Verlass dich also nicht‘ auf die Aussägen des Staatsanwalts über die Ermittlungsergebnisse.
Die Haftgründe
.Ein Haftbefehl wird erlassen bei „dringendem Tatverdacht“, was dann auch genau im Haftbefehl stehen muss, d.h. die Gründe für diesen Verdacht müssen im Haftbefehl aufgeführt werden. Diese angeblichen Ermittlungsergebnisse der Polizei gegen dich sind die sogenannten Tatvorwürfe, zu denen zur Ausstellung des Haftbefehls noch einer der „Haftgründe“ hinzukommen müssen.
Das sind:
1.Fluchtgefahr: Der Richter unterstellt, dass du abhauen willst, weil die dir vorgeworfene Tat so ist, dass du mit einer längeren Strafhaft rechnest und weil du nichts hast, was dir so wichtig ist, dass du den Prozess abwartest. Wichtig im Sinne des Richterdenkens sind ein fester Wohnsitz und feste soziale Bindungen (Ehe, Kinder, etc.).
2.Verdunklungsgefahr: Der Richter nimmt an, dass du die Freiheit dazu benutzen willst, die Aufklärung des Verbrechens durch Bestechung von Zeugen, Beseitigung von Spuren zu „verdunkeln“.
3.Wiederholungsgefahr: Die gibt es nur bei bestimmten Delikten, zum Beispiel schwere Körperverletzung, schwerer Diebstahl, Brandstiftung …, wenn für den Richter erwiesen ist,.dass du solche Straftaten schon wiederholt begangen hast (Vorstrafen) und er annimmt, dass du bis zu deiner Verurteilung noch weitere machen wirst.
4.Bei den Tatvorwürfen Mord, Totschlag, Völkermord, terroristische Vereinigung wird grundsätzlich ein Haftbefehl erlassen.

In der Praxis sieht das so aus:
Bei schweren Tatvorwürfen wird auf jeden Fall ein Haftbefehl erlassen, weil der Richter dann immer Fluchtgefahr und Verdunkelungsgefahr annehmen wird. Bei kleineren Delikten wie Diebstahl, Betrug, Einbruchsdiebstahl hängt der Haftbefehl davon ab, ob du vorbestraft bist und ob du festen Wohnsitz und feste soziale Bindungen hast.
Dein Verhalten gegenüber dem Haftrichter
Etwas sagen solltest du nur zu dem Punkt „Fluchtgefahr“, indem du angibst, dass du einen festen Wohnsitz hast und fest soziale Bindungen: Frau, Mann, Kinder, Verlobte/r, langjährige Freunde etc. – aber aufpassen, wen du nennst!
Wenn du einen festen Arbeitsplatz hast, ist das ein Argument, was jeden Richter am ehesten davon überzeugen wird, dass du nicht fliehen willst. Wenn du keinen festen Wohnsitz hast, dann kannst du immer noch einen möglichen festen Wohnsitz, etwa bei deinen Eltern oder Freunden, für
die nächste Zeit nennen. Diese Angaben haben alle nicht direkt mit der vorgeworfenen Tat zu
tun, so dass du dazu ruhig was sagen kannst. Zu den Haftgründen „ Verdunkelungsgefahr“ und „ Wiederholungsgefahr“ solltest du gar nichts sagen, weil du dann unweigerlich in eine Diskussion
über die dir vorgeworfene Straftat eintrittst. Zum Tatvorwurf selbst solltest du auch nichts sagen, denn das wird sofort im Protokoll festgehalten und spätestens in der Gerichtsverhandlung
gegen dich verwandt.
Versuch auch nicht jetzt, die Polizei auszutricksen, weil du meinst, ihren Ermittlungsstand zu kennen. Denn meistens lassen sie nicht alles raus, was sie haben, und du gibst ihnen nur ungewollt Hinweise darauf, wo sie weiterschnüffeln können. Lass dich auch nicht durch dreiste Lügen der Polizei dazu verleiten, dem Haftrichter erklären zu wollen: „ Wissen Sie, das stimmt alles gar nickt, sondern das war so . . .“
Es gibt eigentlich nur eine einzige Situation, in der du eine Aussage machen kannst – mit oder ohne Anwalt. Nämlich dann, wenn du den Tatvorwurf kennst und ganz einfach und ganz sicher nachweisen kannst, dass du das nicht gewesen bist. Zum Beispiel: Dir wird ein Bankraub in München vorgeworfen, du hast nachweislich zu genau der Zeit in Hamburg gearbeitet oder ähnlich klare Situatio­nen. Eine Aussage ist also nur dann sinnvoll, wenn die Vorwürfe absolut nichts mit dir zu tun haben und dein Alibi jeder Überprüfung standhält. ■‘ Wenn du allerdings nicht ganz sicher bist, ob du durch deine Aussagen nicht jemand anders belastest, dann sag lieber nichts.
Am Ende der ganzen Haftprüfung beantragt dann der Staatsanwalt, einen Haftbefehl gegen dich zu erlassen oder den schon bestehenden aufrecht zu erhalten. Du kannst jetzt beantragen:
1. wenn noch kein Haftbefehl existiert: . . . dem Antrag der Staatsan­waltschaft nicht stattzugeben und dich unverzüglich freizulassen . . ,

2. wenn schon ein Haftbefehl besteht:…den Haftbefehl aufzuheben, hilfsweise, den Haftbefehl außer Vollzug zu

Wird der Haftbefehl dann aufrechterhalten oder erlassen, so kannst du noch einige Anträge stellen, bevor der Haftrichter dich abführen lässt.

1.6.Im Transportwagen

Wochen dauern, je nachdem, wo die für dich zuständige U-Haftanstalt liegt. Die Transportbusse verkehren nur zwischen den Gefängnissen, die benachbart liegen. Längere Strecken sind selten. Oft dauern deshalb solche Fahrten von Knast zu Knast wochenlang, wenn zum Beispiel! ein Gefangener von Lübeck oder Hamburg nach Stuttgart oder Nürnberg gebracht wird.
Die ganze Strecke auf einmal, eingesperrt in der Kiste mit schlechter Lüftung, würde auch keiner durchstehen. Es gibt verschiedene Arten von Transportbussen. Die Polizeitransportwagen sind kleiner als die der Justiz und haben oftmals keine Fenster. Sie verkehren nur zwischen den Polizeizellen (Reviere und Präsidium) und den nächstliegenden Haftanstalten. Ihre Entlüftung ist miserabel, besonders in den kistenartigen Verliesen ohne Fenster. Wer es nur kann, sollte vermeiden zu rauchen. Das gilt auch für die großen Transportbusse, die zwischen den Gefängnissen verkehren.
Die Luft in einer solchen Kiste, in der man innerhalb des Wagens eingesperrt ist, wird vom Tabaksqualm absorbiert, und man atmet nur noch den Qualm. Aber auch ohne das kann es zu Atemnot und Panik kommen. Man glaubt, zu ersticken. Vor allem, wenn kein Fenster da ist, wenn man in einer vollkommen geschlossenen, engen Kiste hin- und hergeworfen wird und die Luftzufuhr nicht sehen kann, ist das ein qualvoller Zustand.

Wie kann man sich im Transportbus einigermaßen zweckmäßig verhallen?
Vor allem nicht rauchen!
Die Strecken sind meistens nicht allzu lang, so dass man auch als starker Raucher ohne Zigaretten solang auskommen kann. Wenn ein Fenster da ist, sich ganz auf das, was man da sieht, konzentrie­ren. Das ist selbstverständlich, soll aber hier verstanden werden als Ablenkung von übersteigerter, angstvoller Selbstbeobachtung. Wer längere Zeit im Knast war, weiß, dass man bereits nach einem Jahr akut „knastkrank“ ist – dass Kreislaufstörungen und Angstzustände dann ständige Begleiter werden.
Die Gefahr des Luftmangels wird besonders akut, wenn der Wagen längere Zeit steht – und vielleicht auch noch in der prallen Sonne. Wenn du kannst, versuche Fahrer oder Beifahrer darauf anzusprechen, dass der Wagen wenigstens in den Schatten gefahren wird und dass die vorderen Einstiegstüren geöffnet werden. Wenn du das Gefühl hast, du bekommst keine Luft mehr, dann verlange, rausgelassen zu werden. Aber mach dabei nichts falsch!
Du solltest den Eindruck vermeiden, du wolltest Krach schlagen oder zu fliehen versuchen.
Schaue in die Fahrtrichtung, um Übelkeit zu vermeiden. Mache Atem-
und Entspannungsübungen, wie sie weiter unten im medizinischen Teil
beschrieben sind, um Erstickungs- und Platzangst zu bekämpfen.

2. Einlieferung in die Haftanstalt/Die ersten Tage
Der Transportwagen hält kurz vor dem riesigen Eisentor, das sich sofort automatisch öffnet – und hinter dir wieder schließt.
2.1. Die Aufnahmeprozedur in der U-Haft
An der Pforte der Untersuchungshaftanstalt wird mit dem Eintragen von Name und Uhrzeit in das Pfortenbuch die bürokratische Prozedur der Aufnahme eröffnet.
Du wirst – falls noch nicht geschehen – gleich an der Pforte nach Waffen gefilzt. Dabei dürfen Frauen nur von Beamtinnen abgetastet werden!
In der Zugangszelle
Normalerweise kommt man dann erst mal in eine Zugangszelle – für Minuten, Stunden, oder für eine ganze Nacht. Versuche herauszubekommen, wie lange es dauert, damit du dich darauf einstellen kannst. Wenn du krank, verletzt oder wenn du heroin- bzw. alkoholsüchtig bist, dann unbedingt darauf bestehen, dass sofort ein Arzt gerufen wird. Nicht abwimmeln lassen! Ein Notarzt ist immer erreichbar. Die Zugangszelle ist meistens ganz besonders scheußlich, verdreckt. Versuche ruhig zu bleiben. Wenn es dir irgendwie möglich ist, schlafe ein paar Stunden. Wenn du nicht schlafen kannst, hat der Beamte vielleicht was zu Lesen für dich.
Wenn du mit anderen zusammen bist, geht sowieso das Gespräch darum: Weshalb bist du hier. Sage dazu auf keinen Fall mehr als im Haftbefehl steht.
Unterhaltet euch aber besser über den U-Knast. Wie sind die Zellen? die Beamten?
Nachdem du weißt, dass du jetzt jedenfalls einige Zeit in Untersuchungshaft bleiben wirst, solltest du dich – in Gedanken oder, falls du Schreibmaterial hast (du kannst es dir vom Beamten geben lassen), mit Briefen und Anträgen darum kümmern:
1. um draußen:
Wem willst du schreiben?
Wer soll sich um deine Wohnung etc. kümmern?
2. um drinnen:
Welche Anträge willst du stellen?
Was willst du in der Zelle machen, z.B. weiche Bücher lesen? Der Sinn der verdreckten Zugangszelle und überhaupt der ganzen Prozedur ist, dich von vornherein einzuschüchtern, kleinzukriegen, überlege dir jetzt schon die Antworten, die du vielleicht geben musst, bzw. verweigern wirst und wie du am besten auftrittst. Überlege dir, was du vielleicht fordern und durchsetzen willst.
Auf der Vollzugsgeschäftsstelle
Dann wirst du zur „Vollzugsgeschäftsstelle“ geschoben. Dort prüft man die Einlieferungspapiere, nimmt die sogenannte „Aufnahmeverhandlung“ vor. Von dir werden nun – unter Strafandrohung – richtige Angaben verlangt.
Falsche Angaben sind zwar tatsächlich strafbar, wenn man dir nachweisen kann, dass du sie absichtlich verfälscht hast – nicht strafbar ist natürlich, gar keine Angaben zu machen. Wenn du nun keine Lust hast, Fragen zu beantworten und Erklärungen zu unterschreiben, dann sind die zwar nicht sehr froh darüber, lassen einen-dann aber oft in Ruhe. Offenbar sind sie es gewohnt. Außerdem: sie sparen sich damit Arbeit! Bleiben sie hartnäckig und ist es dir lästig, andauernd Antworten und Unterschriften zu verweigern – man hat sowieso erst einmal andere Sorgen – dann kann man halt auch mal ein paar Fragen beantworten. Überlege dir, ob du eine Unterschrift nicht besser in Druckbuchstaben schreibst, wenn deine Handschrift verräterisch sein könnte. Vor allem mit den folgenden Fragen musst du rechnen und es ist unter Umständen sogar sinnvoll, sie zu beantworten:
„Haben Sie ein unversorgtes Kind in Ihrer Wohnung zurückgelassen?
Ist Ihre Familie hilfsbedürftig?
Fühlen Sie sich krank?
Beziehen Sie eine gesetzliche Rente?
Wenn ja, wie hoch?
Wohin soll sie für die Dauer der Inhaftierung überwiesen werden?
Beziehen Sie Unterhalshilfe?“

Manchmal fragen sie dabei auch gleich, ob man eine Unterbringung in gemeinsamer Zelle beantragt. Wenn man krank oder süchtig ist, sollte man es ruhig tun. Man kann den Antrag auch später stellen bzw. später wieder zurückziehen. Sie fragen dich nach deiner Gesundheit und müssen dich notfalls sofort zu einem Arzt bringen. Wichtig: Am besten hier schon Krankheiten angeben, die z.B. eine Diät oder bestimmte Medikamente erfordern!
Sie fragen dich außerdem, ob „dringende Fürsorgemaßnahmen“ ergriffen werden müssen: das heißt etwa, ob du eine Wohnung hast, die du zu verlieren drohst, ob für Familienangehörige, vor allem Kinder, Sozial-und Jugendamt einzuschalten sind. Vorsicht, dass sie deine Kinder nicht in ein Heim stecken! Pflegeeltern bestimmen; am besten, man hat das bereits vorher organisiert oder schaltet den Anwalt ein (siehe dazu Näheres im Abschnitt 2.4.).
Dann wird ein „Kennzeichnungsbogen“ ausgefüllt. Sie versuchen, an dir rumzumessen, Fotos und Fingerabdrücke aufzunehmen. Ob es sich vermeiden lässt, hängt von dem Eifer der Beamten ab. Versuche es. Du kannst – wenn du es nicht sowieso bekommst – ein Merkblatt über die Auswirkungen der Inhaftierung auf die Sozialversicherung und Arbeitslosenversicherung verlangen. Sie werden in U-Haft vom Knast nicht übernommen, auch wenn du arbeitest. Anders in der Strafhaft (näheres im Kapitel 9 über Arbeit im Knast).
Aber das ist wohl im Augenblick nicht das größte Problem. Auch die Krankenversicherung muss man selbst vornehmen bzw. weiterlaufen lassen. Das kann dann sinnvoll sein, wenn man vorhat, sich von einem externen Arzt untersuchen und behandeln zu lassen (siehe Abschnitt 18.3. über Arzt von draußen im medizinischen Teil). Jugendliche sollen außerdem einen Lebenslauf und einen Fragebogen über ihre persönlichen Verhältnisse ausfüllen. Allerdings werden die Beamten das kaum erzwingen können. Wenn dich eine Verweigerung zu sehr nervt, so kannst du dich wenigstens auf einen tabellarischen Lebens­lauf beschränken, also einen Lebenslauf, in dem nur Angaben über Geburtsdatum, Datum der Einschulung und des Schulabschlusses gemacht sind. Wenn sich die Anstalt hiermit nicht zufrieden gibt, sollte man ganz einfach sagen, dass man sich an die ganzen Sachen nicht mehr so richtig erinnern könnte. Schreibe dabei nur Stichworte hin und das noch möglichst in Druckbuchstaben. Du kannst so verhindern, dass sie dieses Papier dazu benutzen, planmäßig deine Vergangenheit und deine Persönlichkeit auszukundschaften.

Auf der Kammer
Die nächste Station, zu der man geschoben wird, ist die „Kammer“. In manchen Gefängnissen wird sie auch als „Hausvaterei“ und der dort tätige Beamte als „Hausvater“ (!) bezeichnet. Der sagt dir dann, dass du nichts verstecken darfst und alles, was du an dir trägst, ausziehen musst. Bei Frauen dürfen dabei keine männlichen Beamten anwesend sein. Die suchen jetzt deinen ganzen Körper und deine Klamotten nach Waffen, Ausbruchswerkzeug, Geld und Ungeziefer ab. Normalerweise kannst du dann baden oder duschen. Dann kriegt man seine Klamotten wieder. Was man sonst noch so dabei hat, wird kontrolliert und entweder als „Asservaten“ beschlagnahmt (wenn es nicht bereits die Polizei an sich genommen hat) oder als „Effekten“ zu der „Habe“ genommen – z.B. Schmuck, Ausweise etc., alles was sie dir nicht mit auf die Zelle geben wollen. Merke: „Habe“ ist alles, was man nicht hat. Geld wird ebenfalls nicht ausgehändigt, sondern auf der Verwaltung bei der Kasse vermerkt und gutgeschrieben. Du kannst dann darüber für den Einkauf verfügen. Alles, was dir die Polizei nicht schon abgenommen hat und was nicht zu den „Asservaten“ zählt, muss dir ausgehändigt werden oder zu deiner „Habe“ gelegt werden.
Einen Teil geben sie dir jedoch zurück. Was und wieviel, ist aber ganz verschieden: Wäsche und Körperpflegemittel in geringer Menge, manchmal auch etwas Tabak, Fotos, Briefmarken, Briefpapier, Schreibmaterial, in der Regel auch Ehe- und Verlobungsringe. Versuche möglichst, die wichtigsten Dinge zu bekommen. Was sie zu deiner „Habe“ legen, ist jedoch nicht ein für alle mal aus deinen Händen. Du kannst die Herausgabe deiner Sachen später noch beantragen, zum Beispiel deine Uhr und anderes.
Du hast zwar das Recht, deine eigene Kleidung zu tragen, du musst aber selbst für Wechsel und Reinigung sorgen – am besten über Freunde oder Verwandte, die Schmutzwäsche abholen und saubere Wäsche bringen. Andernfalls kannst du Anstaltskleidung verlangen – die wird dann im Knast gewaschen. Die Entscheidung kannst du jederzeit wieder ändern. Erkundige dich, wann der wöchentliche „Wäschetauschtag“ ist.
Wichtig: Wenn du kein Schreibzeug und Briefpapier dabei gehabt hast oder sie es noch nicht rausrücken wollen, dann unbedingt nachdrücklich Schreibzeug von der Anstalt verlangen. Am besten tut man das auf der Kammer, wo immer Kugelschreiber für diesen Zweck bereitliegen. Man kann auch schon vorher verschiedene Beamte darauf ansprechen. Du kriegst auf der Kammer außerdem noch Bettwäsche, Wolldecken, Handtücher und Eßgeschirr. Wenn du den Empfang quittieren sollst, dann prüfe nach, ob du auch alles bekommen hast, was auf der Liste steht. Fehlt was, so musst du es sonst später ersetzen.
In ,, deiner'‘ Zelle
Schließlich wirst du in die Zelle gebracht. Ein Beamter zeigt einem die Zelleneinrichtung. Prüfe, ob alles funktioniert und unbeschädigt ist: Klo, Wasser, „Möbel“ und den Rundfunklautsprecher. In manchen Knästen ist ein abschaltbarer Lautsprecher mit zwei oder drei wählbaren Programmen eingebaut – in anderen kriegst du extra einen Kopfhörer ausgehändigt. Verlange ihn, wenn er fehlt!
Dann sollst du gleich wieder einen Wisch unterschreiben, auf dem steht, dass das ganze Inventar von dir in unversehrtem Zustand übernommen wurde. Wenn sich dann später herausstellt, dass doch etwas kaputt ist, dann ziehen sie es dir von deinem Geld ab. Deshalb am besten nicht unterschreiben – denn so genau kann man die Sachen in der kurzen Zeit und in der Stimmung, in der man ist, gar nicht kontrollieren. Man sagt z.B.: „Lassen Sie mir die Liste noch zwei Tage hier“. Wenn der Beamte sich dann nicht zufrieden gibt und damit droht, den Kopfhörer wieder mit herauszunehmen, kann man notfalls zumindest den Kopfhörer quittieren. Oder man schreibt auf den Wisch: „ Vorbehaltlich einer genaueren Prüfung – Gustav Krüger“ oder so ähnlich.
Dann wird man auf seine Pflichten und – wie es so schön heißt – auf seine „Rechte“ aufmerksam gemacht. Meistens, indem man Hausordnung, Zellenordnung und noch ein „Merkblatt“ bekommt. Verlange aber auch noch die „Untersuchungshaftvollzugsordnung“. Um dir endgültig klar zumachen, wo du dich befindest, kriegst du in manchen Anstalten noch einen Wisch zum Unterzeichnen hingelegt, auf dem etwa steht: „Mir ist bekanntgegeben worden, dass die Anstalt durch einen elektrisch geladenen Zaun gesichert ist und dass bei Fluchtversuch von der Schusswaffe Gebrauch gemacht wird“.
Wie gesagt, das ist wie mit den hausierenden Vertretern: möglichst nichts unterschreiben – erst recht dann nicht, wenn man es nicht genau versteht!

2.2.Die Aufnahmeprozedur in der Strafhaft

Noch etwas komplizierter und langwieriger ist die Aufnahmeprozedur in
der Strafhaft. Zu den oben hp.irhriph*>n»n r>ir,^o« -•»:- „_….muß, kommt hier noch einiges dazu: Hier findet zur Begrüßung noch eine „Vorstellung“ beim Leiter der Anstalt statt, oder – weil der ja meistens wichtigeres zu tun hat – bei irgendeinem höheren Beamten in der Aufnahmeabteilung.
Neben der Hausordnung, die man zur Belehrung erhält, sollte man noch darauf bestehen, ein Exemplar des Strafvollzugsgesetzes ausgehändigt zu bekommen.
Da du ja nicht nur bestraft, sondern auch noch „behandelt“ werden sollst, beginnt nun die sogenannte „Behandlungsuntersuchung“. Dazu ist es für deine Bewacher nötig, deine Persönlichkeit und deine Lebensverhältnisse zu erforschen.
Dies wird unter anderem von Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeiter_Innen vorgenommen.
Dazu besorgen sie sich Informationen über dich von verschiedenen Behörden, mit denen du mal zu tun hattest. Die Behandlungsuntersuchung kann wie eine Befragung oder ein Verhör ablaufen; die modernere Methode ist es, dich in einem Gespräch aus der Reserve zu locken. Manchmal versuchen sie auch mit Hilfe von sogenannten „Persönlichkeitstests“ etwas über dich herauszubekommen (dazu findest du näheres in Abschnitten über den Psychologen unter 5.7. und 5.8.). Wieviel Mühe sie sich dabei geben, ist ganz verschieden: Meistens werden sie wohl nur so tun, als ob und die Sache schnell und oberflächlich durchziehen. Intensiver und damit auch nervender werden es die „Fortschrittlichen“ betreiben – vor allem in den Jugendanstalten. Manchmal trennen sie dich für die Zeit der Behandlungsuntersuchung während der Arbeitszeit und der Freizeit von den anderen Gefangenen ab, damit du keine Tipps bekommst und dich nicht zu sicher fühlst und dann vielleicht nicht so mitspielst, wie sie es erwarten. Diese Zeit darf zwei Monate nicht übersteigen. Länger als ein bis zwei Wochen dauert es jedoch selten; auch deren Geduld ist begrenzt. Du bist während dieser Zeit natürlich nicht verpflichtet, an dieser Untersuchung aktiv mitzuwirken. Notfalls hat man eben ein zu schlechtes Gedächtnis.
Es ist sicher eine Illusion und sehr kurzsichtig zu glauben, je gefügiger ich mitspiele, desto günstiger fällt mein „Vollzugsplan“ aus, der als Ergebnis dieser Untersuchung festgelegt wird.
Als Faustregel gilt: Alles was sie von dir wissen, macht sie stärker und dich schwächer. In geeigneten Situationen werden sie ihr Wissen gegen dich ausspielen

2.3. Was man schon am ersten Tag erledigen sollte
Wenn man die Nerven dazu hat, sollte man schon während der Aufnah­meprozedur so viel wie möglich ergründen. Wenn nicht, hat das auch Zeit bis zum ersten Hofgang am nächsten Tag.
Erste Informationen einholen
Wenn du aber isoliert bist, d.h. Einzelhofgang hast, solltest du gleich am Anfang jede Gelegenheit nutzen, etwas zu erfahren: Von den Hausarbeitern. Es sind die ersten Gefangenen, denen du begegnest, z.B. auf der Kammer. Aber Vorsicht! Nichts von dir selbst erzählen, sondern nur fragen (näheres im Kapitel 3. „Die Gefangenen unter sich“).
Notfalls auch von dem einweisenden Beamten Informationen fordern: Einkaufsliste, Mitteilungsblatt, Hauszeitung oder ähnliches verlangen. Irgendwann zieht sich dann der einweisende Beamte zurück – nicht ohne von dir noch einmal nachdrücklich an Schreibpapier, Anliegenformulare, Umschläge und Kugelschreiber erinnert worden zu sein, falls du das bis dahin immer noch nicht bekommen hast – und lässt dich allein. Man hat wohl die ganze Zeit gehofft, dasss der Rummel endlich vorbei ist und die einen endlich allein lassen – aber wenn man dannalleinn ist, wird es oft noch unerträglicher, weil oft erst jetzt der betäubende Festnahme­schocknachlässtt – und dafür die Verzweiflung zunimmt. Erfahrene Gefangene gehen erst einmal ans Fenster und rufen „Eh, Nachbar, hast du Tabak?“. Ein paar Worte zu wechseln, beruhigt vielleicht ein bisschen.
Dringende Anträge gleich stellen
Es ist — wenn man die Nerven dazu hat – sehr sinnvoll, schon an diesem ersten Tag Anträge an den Haftrichter zu schreiben und Anliegen an die Anstaltsleitung. Beides gibt man dann am nächsten Morgen bei der Frühstücksausgabe oder einer anderen vorgeschriebenen Gelegenheit an den dienst tuenden Beamten ab. Man verliert so am wenigsten Zeit. Die Erledigung mancher Anträge dauert Wochen, d.h. manchmal länger als die Haftzeit. Außerdem kann man sich damit auch ein bisschen ablenken.Folgende Dinge musst du als Untersuchungsgefangener beim zuständigen Haft­richter beantragen (Aktenzeichen angeben!}:
Antrag auf Gemeinschaftszelle; Schreibmaschine; eigenes Rundfunkgerät( in der Regel ohne UKW- Teil); eigenen Fernsehempfänger (Batterie); Teilnahme an Freizeit- und Gemeinschaftsveranstaltungen (falls Freizeit nicht automatisch gewährt); Umschluss mit einem bestimmten Mitgefangenen; Teilnahme an der gemeinschaftsarbeit; Sonderbesuche oder Überlange Besuche; Sonderpakete; Bezug von zeitungen und Zeitschriften, Büchern, Bastelmaterialien und ähnliches für Selbstbeschäftigung.
In einem schriftlichen „Anliegen“ oder „Vormelder“ an die Anstaltsleitung kannst du die folgenden Dinge fordern:
ärztliche Behandlung: „Ich beantrage eine Vorführung zum Arzt, da ich in Freiheit in ständiger ärztlicher Behandlung war“;
Seelsorge: „Ich möchte den evangelische (katholischen) Pfarrer sprechen“;
Sozialarbeiter: „Ich beantrage ein gespräch mit dem Sozialarbeiter. Zweck: Sicherstellung der Habe“;
Herausgabe von Habe: „ Ich beantrage, dass mir meine bei den Effekten befindliche Uhr ausgehändigt wird“;
Papier, Schreibmaterialien: „Ich beantrage 10 Bogen Schreibpapier, Umschläge und einen Kugelschreiber“ (hat auch meist der Stationsbeamte);
Seife, Schampoo, Klopapier etc. (wenn es mündlich nicht klappt)
Teilnahme an den bereits richterlich genehmigten Veranstaltungen, sowie an der Gemeinschaftsarbeit: „Ich beantrage, in die xy-Gruppe aufgenommen zu werden“.
In der Strafhaft musst du dich in allen Sachen gleich an die Anstalt selbst wenden. Näheres darüber, wie du dich verhalten musst, wenn dir bestimmte Sachen verweigert werden, findest du in den Kapiteln 20- 24 über „Rechtsmittel“.

Erste Kontakte nach draußen
Dazu nur einige kurze Anmerkungen:
Hast du immer noch keinen Anwalt, so verlange bei den Knastbeamten eine Anwaltsliste und hör dich auf alle Fälle auch mal unter den Mitgefangenen nach Anwälten um, die was tun und nicht nur aufs Geld schauen. Wenn du dich für einen Anwalt entschieden hast, schreib an ihn und bitte um einen Besuch. Lies dazu das Kapitel 11. über Anwälte. Pass auch bei Briefen an Freunde und Verwandte und andere auf, dass du nichts über deinen „Fall“ schreibst. Du musst dich darauf einstellen, dass alle deine Briefe gelesen werden und auch angehalten werden, einfach
um dich immer hilfloser zu machen und damit du dich noch mehr allein fühlst, weil sie dann hoffen, dass du dann doch was erzählst. Schreib nicht an Leute, die durch deine Briefe und die Bekanntschaft mit dir gefährdet werden können. Falls du kein Geld hast, verlange, dass die Anstalt die Portokosten übernimmt.

2.4. Wenn du draußen Kinder zurückläßt
Wenn du dich nicht darum kümmerst, musstt du damit rechnen,dassss Jugendamt und Vormundschaftsgericht dir dein Kind wegnehmen, schlimmstenfalls es in ein Heim stecken und dir das Sorgerecht entziehen. Es gibt allerdings einige Möglichkeiten, das zu verhindern: Grundsätzlich musst du wissen:
Wenn das Kind „verwahrlost“, für sein „leibliches, geistiges und seeli­sches Wohl“ nicht gesorgt ist, kann das Jugendamt immer eingreifen. Im übrigen bestimmen die Sorgeberechtigten, wo und wie ihr Kind lebt. Das Sorgerecht haben für eheliche Kinder normalerweise beide Eltern zusammen. Willst du also einen der nachfolgend dargestellten Schritte einleiten, musst du dich mit deinem Ehepartner darüber einigen. Für das nichteheliche Kind hat die Mutter das Sorgerecht allein.
Eine,, Pflegestelle „für dein Kind suchen
Die einfachste Möglichkeit für dein Kind zu sorgen in der Zeit, wo du es selbst nicht kannst, ist, das Kind zu Verwandten – deinen Eltern, Geschwistern, zum Onkel, der Tante … – zu geben. Dazu brauchst du keine Genehmigung des Jugendamtes, und das Jugendamt mischt sich in der Regel dabei auch nicht‘ ein.
Willst du nicht, dass dein Kind zu Verwandten kommt, kannst du vielleicht dein Kind bei Bekannten oder Freunden von dir oder zu sonstigen Leuten, die dein Kind aufnehmen wollen und die du für geeignet hältst, in Pflege geben. Nicht nötig ist, dass es sich hierbei um eine Familie handelt – genauso gut kann eine alleinstehende Person oder ein Paar dein Kind aufnehmen. Diese sogenannte „Pflege“ ist dem Jugendamt sofort anzuzeigen, und es muss die Genehmigung dazu geben!
Wenn die Pflegepersonen nach Ansicht des Jugendamts dein Kind grob vernach­lässigen, kann die Pflegeerlaubnis allerdings widerrufen und das Kind vorläufig woanders untergebracht werden; in der Rege! wird das dann ein Heim sein. Davon musst du sofort benachrichtigt werden. Du hast dann – noch ehe das Vormundschaftsgericht etwas zu sagen hat – das Recht zu bestimmen, wohin dein Kind von da aus kommen soll.
Wenn du selbst nicht mehr damit einverstanden bist, dein Kind der von dir ausgesuchten Pflegestelle zu überlassen, kannst du den mit den Pflegern verein­barten sogenannten „Pflegevertrag“ einfach widerrufen und das Kind zu dir nehmen oder es anderen Personen in Pflege geben. Beide Möglichkeiten – Verwandte und Pflegestelle – kannst du auch dann wahrnehmen, wenn du nicht mehr im Knast bist. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Sorgeberechtigten (s. oben) eine solche Unterbringung ihres Kindes für dessen Wohl für gut halten. Gerade wenn die Gefahr besteht, dass du verhaftet werden kannst oder du dich aus irgendwelchen Gründen längere Zeit nicht um dein Kind kümmern kannst, solltest du rechtzeitig dafür sorgen, dass dein Kind versorgt ist, damit es gar nicht erst dazu kommt, dass es der Willkür und Verwaltung durch die Ämter ausgesetzt wird und der Staat eine Sippenhaft an deinem Kind vollziehen kann. Und was sehr wichtig ist: Solange du nicht Unterhalt zahlen kannst, muss das Jugendamt den Pflegern Erziehungshilfe zahlen. Diese beträgt zur Zeit etwa 400 -600 DM monatlich. Dein Kind ist also auch finanziell einigermaßen abgesichert.
Wenn dir das Sorgerecht entzogen wird
Schwieriger ist es, wenn dir das Sorgerecht entzogen wird oder das Vormundschaftsgericht das Ruhen des Sorgerechts angeordnet hat, eben weil du längere Zeit im Knast bist und sich keiner um dein Kind kümmert.
Das „Ruhen des Sorgerechts“ wird von einigen Gerichten schon nach recht kurzer Haftdauer, z.B. sechs Monaten, angeordnet. Andere Gerichte sehen während der U-Haft in der Regel von einer solchen Anordnung ab. Die Folge des Ruhens des Sorgerechts ist, dass das Vormundschaftsgericht für die Dauer deiner Haftzeit von sich aus einen Pfleger oder auch einen Vormund bestellen kann, was dann regelmäßig das Jugendamt ist.
Wenn du dich rechtzeitig um eine gesicherte Unterbringung deines Kindes bei Verwandten oder bei anderen Personen gekümmert hast, wird es dir eher gelin­gen, das Gericht davon abzubringen, das Kind von deinen Verwandten oder den Personen deines Vertrauens wieder wegzunehmen und es dem Jugendamt zu überlassen. Eventuell wird das Gericht dann auch erst gar nicht das Ruhen deines Sorgerechts anordnen. Notfalls kannst du auch die Personen, bei denen dein Kind nach deiner Ansicht gut aufgehoben ist, von dir aus als Vormund vorschlagen. Wenn sie selbst einverstanden damit sind, muss das Gericht diese als Vormund bestellen.
Hast du dagegen bis jetzt niemanden für dein Kind gefunden oder dir bis jetzt darum keine Gedanken gemacht, und wird nun das Ruhen des Sorgerechts angeordnet, bist du natürlich in einer schlechteren Lage. Du hast zwar nach wie vor das Recht, einen Vormund für dein Kind zu benennen – und das solltest du dir in jedem Fall auch überlegen – bzw. eine Pflegestelle vorzuschlagen. Das Gericht wird den von dir vorgeschlagenen Personen aber wahrscheinlich von vornherein misstrauen und an sie Anforderungen stellen, von denen es weiß, dass diese Personen sie niemals erfüllen können.
Auf weitere Möglichkeiten – wie freiwillige Erziehungsbeistandschaft, Fürsorge­erziehung usw. – gehen wir hier nicht mehr ein. Unter welchen Bedingungen Kinder an der Seite ihrer Mutter im Knast aufwachsen können und welche Probleme damit verbunden sind, darüber lies in Abschnitt 6.3. nach.

2.5. Die Haftbedingungen in der ersten Zeit (U-Haft)
Die Untersuchungshaft ist in der Regel Einzelhaft. Begründet wird dies damit, dass der U-Häftiing ja noch nicht rechtskräftig verurteilt ist und deshalb als unschuldig zu gelten hat. Die Einzelhaft soll also eine besondere Vergünstigung gegenüber den Strafgefangenen sein. Es gäbe also keinen Grund, den U-Häftling nicht sofort und unbe­schränkt mit anderen Gefangenen zusammen zu lassen. Natürlich finden sich doch Gründe:
Der „Zweck der U-Haft“ könnte sonst gefährdet sein. Du bist ja nicht allein deshalb inhaftiert worden, weil du einer strafbaren Handlung dringend verdächtigt wirst, sondern weil darüber hinaus angeblich „Flucht- oder Verdunklungsgefahr“ (oder beides) besteht oder wenn die Gefahr besteht, dass du als „Wiederholungstäter“ weitere Straftaten begehst.
Sie werden dich oft mit der Begründung von anderen Gefangenen fernhalten, du könntest über Mitgefangene Zeugen beeinflussen, Beweismittel beseitigen lassen, Komplizen verständigen etc. Ein zweiter Grund, dich allein zu halten, ist die Gefährdung von „Sicher­heit und Ordnung in der Anstalt“.
Diese Floskel wirst du in der nächsten Zeit sehr oft zu hören bekommen; damit kann fast alles verboten und durchgesetzt werden.
. Die Verhöre gehen weiter
Einen dritten Grund für deine Isolation wirst du kaum zu hören, dafür aber umso mehr zu spüren bekommen:
Das Interesse der Ermittlungsbehörden, aus dir etwas herauszubekom­men. Was sie nicht schon unmittelbar nach der Festnahme erreicht haben, werden sie nun auf andere Weise weiter versuchen. Haben sie vorher noch versucht, deine unmittelbare Angst, deine Desorientiertheit, also den Überraschungseffekt der Festnahme auszunutzen, so kann es passieren, dass sie nun die Zeit für sich arbeiten lassen – mit Hilfe andauernder Isolation. Bist du im Zusammenhang mit deiner politischen Arbeit inhaftiert worden, hast du ein Verfahren wegen §§ 129, 129a (kriminelle bzw. terroristische Vereinigung) am Hals, so musst du regel­mäßig damit rechnen, dass diese Methode an dir ausprobiert wird. Stelle dich darauf ein, dass sie dich vielleicht öfter besuchen werden. Es kommt dabei vor, daß du von einem Beamten mit den Worten aus deiner Zelle geholt wirst: „Besuch für Sie“ oder „Ihr Anwalt möchte Sie sprechen“. In der Besuchszelle erwartet dich dann ein grinsender LKA-Beamter zum Verhör. Laß dich auf kein Gespräch ein! Nach wochenlanger Isolationshaft ist dein Bedürfnis mit jemandem zu reden so stark und deine Selbstkontrolle oft so schwach, dass du vorher nicht einschätzen kannst, wie so ein „Gespräch“ enden wird – und damit zu arbeiten, ist die stärkste Waffe der Verhörspezialisten. Außerdem: Wenn sie nur einmal das Gefühl bekommen, du könntest umfallen, dann lassen sie nicht mehr locker. Deshalb glaube nicht, wenn du ihnen irgendwas erzählst, dass du dann deine Ruhe haben wirst. Im Gegenteil. Dann geht es erst richtig los. Also: Sag in so einem Fall: „Danke, das war’s dann“, dreh dich wieder um und verlange, auf deine Zeile geführt zu werden. Manche empfehlen, dem Druck dadurch auszuweichen, dass man anfängt völlig uninteressante Geschichten zu erzählen, z.B. vom letzten Urlaub, von einem Film, den man gesehen hat, von einem Buch, das man gelesen hat. Davor ist aber zu warnen. Ein geschickter Verhörspezialist wird auch für diese Themen Interesse zeigen, um erstmal ein Gespräch in Gang zu setzen und es an geeigneter Stelle in die richtigen Bahnen zu lenken.
Isolation und Rededruck
Je wichtiger du ihnen bist, desto hartnäckiger werden sie sein. Hat gar die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen, wirst du also als „Terrorist“ oder auch „Spion“ eingestuft, dann musst du dich auf die ausgekochtesten psychologischen Tricks gefasst machen, bei denen alles, was sie von dir, deiner Persönlichkeit, deiner Vergangenheit, deinen Interessen, deinen Gewohnheiten und Schwächen in Erfahrung bringen konnten, gegen dich ausgespielt wird.
Mit der zynischen, scheinheiligen Begründung, dich vor „Selbstmord“ bewahren zu wollen, versuchen sie manchmal zusätzlich, dich durch nächtliche Zellenbeleuchtung und häufiges nächtliches Wecken mürbe zu machen. Denke daran: Die Hartnäckigkeit der Ermittler ist für dich ein Hinweis darauf, dass ihr Belastungsmaterial gegen dich oder die Mitverdächtigen noch sehr dürftig ist. Sieh zu, dass es dabei bleibt. Deine Gegenstrategie muss sich hauptsächlich darauf konzentrieren, den eigenen durch die Isolation hervorgerufenen Rededruck zu verarbeiten oder zumindest abzulenken und unter Kontrolle zu halten. Neben dem Bewusstsein, diese Methoden durchschauen zu können, können z.B. autogenes Training (siehe Abschnitt 13.3.) und ähnliche Konzentrationsübungen und auch Selbstgespräche in der Zelle ein brauchbares Mittel dagegen sein (siehe auch unter 4. „Einsamkeit und Isolation“).
Dassss die Isolationshaft ein hervorragendes Mittel ist, Menschen zum Reden zu bringen, haben nicht nur die Ermittler in politischen Strafsa­chen erkannt: In mehreren U-Haftanstalten – und es ist zu befürchtendassssß sich diallgemeininn durchsetzen wird – ist daher eine „Eingewöhnungszeit“, d.h. eine generelle Isolationshaft für alle Neuzugänge eingeführt worden. In der JVA Frankfurt-Preungesheim zum Beispiel dauert diese Zeit zwei Monate. Nur beim allgemeinen Hofgang kommt man mit anderen Gefangenen in Kontakt. Die restlichen 23 Stunden am Tag ist man allein in der Zelle.
2.6. Die Umstellung auf das Leben im Gefängnis
Eingesperrt zu sein, ist für die meisten eine völlig neue Situation, an die sie sich nur mit Mühe und nur sehr langsam anpassen können. Es ist zunächst ungeheuer schmerzhaft, wie nach einer Operation. Es bedeutet, von allem angeschnitten zu sein, wovon man früher gelebt hat, nämlich von einer bestimmten Gemeinschaft mit anderen. Die Ängste und Schwierigkeiten der ersten Zeit rühren vor allen Dingen daher. Jeder Mensch lebt von den Gefühlen anderer Menschen. Die erste Zeit bedeutet also eine Umstellung, die nach dem völligen Bruch mit dem „Draußen“ notwendig geworden ist. Für eine solche Umstellung gibt es wohl je nach Charakter, eigener Vergangenheit und je nach Temperament verschiedene Wege. Dass man daran scheitert, ist ebenso möglich wie dass man sich behauptet.
Nach einiger Zeit wird man bei sich beobachten, dass die früheren Beziehungen, die man draußen gehabt hat, immer mehr in den Hinter­grund rücken und sich zu neutralisieren beginnen. Sie werden schwächer. Was man da beobachtet, ist ein Hinweis darauf, dass man sich innerhalb . der neuen Situation zurechtzufinden begonnen hat, dass man sich in ihr eingerichtet hat. Diese Veränderung, die man an sich bemerkt, ist etwas sehr beeindruckendes. Sie bedeutet eine Anpassungsfähigkeit, die man so beschreiben könnte: Man ist fähig, sich in einer Situation, in der einem alles genommen ist, mit neuen Gefühls-,,besetzungen“ einigermaßen
über die erste Zeit zu helfen. Welche Wege diese neuen Gefühle, aus denen ein Gefangener leben muss, nach lang dauernder Haft nehmen, darüber ist hier allerdings nichts gesagt. Die Gefühlsentwicklung eines für sein eigenes Leben wird sie immer normal bleiben, weil es nichts anderes gibt, woran sie sich halten könnte.
Das „Obersetzen“ in diese Gefühlswelt der Gefangenen ist deshalb kein Verstoß gegen die Normalität, wie es manchen scheint, die zu sehr ihre eigenen Maßstäbe von sozialem Leben an das Dasein im Gefängnis anlegen. Sicher ist, dass man mit dem Festhalten an solchen Normen im Knast nicht überleben kann. Was draußen als gestört gilt, kann einem Gefangenen helfen, sich geistig, seelisch und körperlich ungestört zu fühlen. Beispielsweise gilt draußen die extreme Konzentration auf sich selbst als gestört, im Gefängnis ist sie unvermeidbar, und wer .gesellig‘ bleibt, wird zum Kranken seiner Geselligkeit. Er hält es in der Zeile allein nicht aus. Die auf den eigenen Körper gerichtete Sexualität gilt draußen als „mindere“ Form der Sexualität – im Gefängnis ist sie die Normalform, und wer sie hier weiter als „verarmte“ Sexualität sieht, begeht aus Mitleid ihre unvermeidliche Diskriminierung.
Erarbeitung der neuen Umwelt
Dass man sich immer an die neue Umgebung anpassen wird, bedeutet nicht, dass man diese Anpassung nicht durch eine genauere Selbstbeob­achtung und durch gezielte Versuche beschleunigen und verbessern müsste. Die Anpassung kann leicht dazu führen, dass einer seine sozialen Beziehungen Stück für Stück aufgibt – auch im Knast. Ein Mittel der aktiven Anpassung — gemeint ist hier das Überleben und nicht Unterord­nung — wäre zum Beispiel, dass man seine Umgebung genauer beobach­tet. Durch aktive Beschäftigung damit, kann einem zunächst die Angst genommen werden, die man vor der fremden neuen Umwelt hat. Die neuen Kenntnisse über die Situation machen sie schließlich so bekannt, dass man sich in ihr sicher bewegen kann. Das alles bedeutet eine Aneignung der Umgebung durch „Arbeit“.
Auch in jeder Beziehung, die intensiv genug ist, ist so etwas wie Arbeit, Tätigkeit, Bewältigung enthalten. Die Arbeit an der neuen Umgebung kann bedeuten, dass man sich zunächst einmal ausreichend Kenntnisse über sie verschafft – Kenntnisse über die Menschen, über die Vorgänge und Funktionen, über den ganzen Betrieb des Knasts, und Kenntnisse über andere Gefangene. Man nimmt das alles nicht einfach auf, sondern je intensiver dieses Forschen ist, umso mehr benötigt es das Schreiben, mit dem man Beobachtungen und Einschätzungen festhalten kann. Durch Schreiben kann man sich am ehesten seine neue Situation aneig­nen. Sie wird dadurch zu Gedanken und durch Gedanken zu etwas, was im eigenen Leben die wichtigste Rolle spielt: die eigene Absicht und Vernunft.Die Qual der Trennung von seiner früheren Umgebung lässt sich vermin­dern, wenn man versucht, durch die Bearbeitung dessen, was um einen
herum ist, neue Probleme zu finden, die sich lösen lassen. Das sind die neuen Probleme von Beziehungen zu andern, mit denen man sprechen kann, mit denen man tagtäglich zu tun hat. Das sind Notwendigkeiten, die unmittelbar auf der Hand liegen.
Die Gefahr ist dabei, dass man die draußen zurückgelassenen Beziehun­gen, die sich weit entfernt haben, tatsächlich so bewältigt, dass man sie vergisst. Man wird versuchen, diese Beziehungen durch Briefe und Besuche festzuhalten – ob man es über lange Zeit tatsächlich kann, wird an der geistigen Intensität dieser Beziehungen liegen. Nur sie ist stärker als die Mauern.
Auch im Knast lebt man
Schmerzhaft an der neuen Situation sind vor allem die Übergänge und bestimmte Arten der Bewältigung des Übergangs von der alten in die neue Situation – und natürlich gibt es gescheiterte Formen der Anpas­sung, die mit Passivität, Beschränktheit auf sich selbst zu tun haben. Grundsätzlich kann sich der Mensch selbst an extreme Situationen anpassen. Es ist natürlich nicht möglich, sich an dauerndes Hungern, dauerndes Frieren usw. anzupassen, aber innerhalb einer physisch ertragbaren Umgebung ist die Anpassungsfähigkeit sehr groß. Diese Anpassungsfähigkeit wird also in der neuen Umgebung auch Vorzüge herausfinden und neue Möglichkeiten, die sie bedingt ertragbar machen. Es entstehen neue Gefühle, die nur mit dieser und keiner anderen Umgebung zu tun haben.
Diese Überlebenschancen des Eingesperrtseins müssen also gefunden werden.‘Das bedeutet nicht, dass das Eingesperrtsein oder das Gefängnis irgendwelche Vorzüge hat, sondern lediglich den Zwang, unter dem man selbst steht, sich eine einigermaßen ertragbare Lage zu schaffen. Und Widerstand kann nur leisten, wer sich eine solche ertragbare Lage schafft, zumindest eine solche, die er seelisch verkraften kann. Aus einer absolut unerträglichen Lage wird niemand Widerstand leisten können, weil sie auch das Denken und die Gefühle unerträglich macht und damit alle Handlungen konfus werden.
Möglichkeiten der Bewältigung
Man wird sich mit sich selber viel mehr beschäftigen müssen als draußen. Man lernt sich besser kennen. Diesen Vorteil sollte man nicht einfach hinnehmen, sondern als Gelegenheit benutzen, mit sich selber besser umzugehen zu lernen. Es könnte bedeuten, dass man sich eine bestimmte Art dieser Bewältigung, dieser Verarbeitung seiner Probleme aneignet, z.B. Traumaufzeichnungen, Aufzeichnung dessen, woran man denkt, woran man sich erinnert, Notierung der eigenen Phantasien -Überlegung und Erinnerung der eigenen, persönlichen Geschichte. Dass man dabei vor plötzlichen Zellendurchsuchungen geschützt sein muss, ist‘ selbstverständlich. Was belastend sein kann, schreibt man nicht auf. Eine weitere Möglichkeit, die hinzukommt und die genauso notwendig ist, wäre, sich auf seine Mitgefangenen besser einzustellen und sie nicht von vornherein als „Schmock“ oder Untermenschen anzusehen. Denn damit tut man genau das, was die Justiz mit einem selber macht. Unter deinen Mitgefangenen wirst du bestimmt einige finden, mit denen du dich gut verstehst, und du wirst umso weniger der Einbildung verfallen, dass die anderen – nur du nicht – zu Recht hier hingehören, je mehr du dich mit anderen abgibst und ihre Geschichte kennenlernst. Du wirst Überraschungen erleben. Wer dir vorgekommen ist als einer, mit dem du absolut nichts gemeinsam hast, kann dein bester Freund werden. Eine dritte Gelegenheit, die die neue Situation zulässt, ist die geistige Arbeit, die Aneignung von neuem Wissen. Man kann die Stille der Zelle dazu benutzen, um zu lesen; sich Notizen machen, eigene Überlegungen aufschreiben. Damit kann man sich bis zu einem gewissen Grad über den Zustand der Bewegungslosigkeit, zu dem man verdammt ist, hinweghel­fen. Man kann sich sogar vorstellen, dass geistige Arbeit die körperliche Beschränkung, das Eingesperrtsein im eigenen Körper, der Bedürfnisse hat, und im Knast, der alle Bedürfnisse erstickt, bis zu einem gewissen Grad ausschalten kann. Körperliche Bedürfnisse, das dauernde Bedürf­nis nach Freiheit, Bewegung, Sexualität zu unterdrücken, ist sicher falsch, aber es ist nicht unmöglich, seine Bedürfnisse in Phantasien auszuleben, die die weggenommene Freiheit auf eine subversive Weise wieder einfangen. Die Phantasie kann Wege gehen, die aus der Gesell­schaft herausführen und nie mehr zu ihr zurückkehren – Irrwege der Entfernung oder der Anpassung – aber als Drang sich zu befreien sind sie – ganz gleich, was aus ihrer Vorwegnahme eines Tuns später folgt -all notwendiger Ausdruck eines Lebens und deshalb legitim. Sie würden einen großen Teil ihres Schreckens für andere einbüßen, wenn man nicht auch die Phantasie weit der Gefangenen, als Äußerung ihres autonomen Schicksals, ihrer Ungebrochenheit und ihrer eigenen Kultur, mit Tabus und Strafen, Sprechängsten belegen würde. Erst das Unausgesprochene, am Aussprechen Gehinderte wird grausam – in der Form der Grausam­keit, die letzter verzweifelter und scheiternder Versuch ist, Zuneigung von andern zu erhalten. Deshalb ist es notwendig, seine Phantasien nicht nur zu träumen, sondern sie auch zu leben und auszusprechen, zu agieren.
Dies alles sind Möglichkeiten, das Eingesperrtsein zu bewältigen -eine Verfeinerung eigenen Fühlens, Denkens und Handelns zu erreichen, die der äußeren Gewalt besser angepasst ist als eine gewaltsame Härte gegen sich und andere, „Abhärtung“, „dicke Haut“. Die Form des größtmögli­chen Widerstands im Knast ist die, die den eigenen Widerstand verfei­nert, das heißt fein verteilt handhaben kann, weil er sonst zerschlagen wird und nur blindes Anrennen, blinde Rebellion bedeutet, sinnlose Rebellion.
Wir bilden uns nicht ein, damit irgendetwas Endgültiges gesagt zu haben. Das ist vielmehr nur ein erster, vielleicht gescheiterter, vielleicht aufge­blasener Versuch, zu diesem Thema doch etwas zu sagen, obwohl es schwer genug ist. Es ist auch eine Anregung, ein Stoff für kritisches Überlegen, mehr nicht. Außerdem ist es ein Erfahrungsbericht, also nicht ganz so ausgedacht wie es vielleicht scheint.

3. Die Gefangenen unter sich
Die im folgenden beschriebenen Erfahrungen stammen aus dem Män­nerknast. Zum gleichen Thema steht auch einiges im Frauenteil (Kapitel 6.).
3.1. Die Situation als „Neuzugang“ — die erste Kontaktaufnahme
Begegnung mit den Hausarbeitern
Die erste Kontaktperson in der Anstalt ist in aller Regel ein Hausarbei­ter („Kalfaktor“)- Die Hausarbeiter genießen allerdings das Vertrauen der Beamten und sind ihre wichtigsten Zuträger von Informationen. Deshalb ist Zurückhaltung ihnen gegenüber unbedingt zu raten. Man. kann allerdings die Hausarbeiter fragen, wo welche Leute liegen, die man vielleicht kennt, wie man an einen Sanitäter bzw. Arzt rankommt oder wie man zu Tabak kommt, wann Einkauf ist, welche Freizeitveran­staltungen es gibt und überhaupt über den inneren Betrieb. Die Hausar­beiter wissen da am besten Bescheid. Sie kommen ja viel herum.
Auch wenn sie selber vertraulich auf einen zukommen, sollte man nichts im Vertrauen mit ihnen reden. Man sollte sie lediglich nach den Dingen, die man unbedingt wissen will, ausfragen und von sich aus nichts weiter mit ihnen reden. Man sollte ihnen nie mehr sagen, als das, was man auch einem Beamten sagen könnte. Nicht irgendwelche Sprüche loslassen, die dann schon wieder irgendwo verwertet werden könnten, von der Staatsanwaltschaft zum Beispiel!. Es kommt vor, dass die Hausarbeiter unmittelbar für die Staatsanwaltschaft arbeiten, diese anrufen lassen und ihr die gehörten Neuigkeiten berichten.
Fühlt man sich bei den Hausarbeitern zu unsicher, dann sollte man lieber bis zum ersten Hofgang warten, wo man vielleicht jemanden findet, dem man einigermassen vertrauen kann.
Anders sieht es aus, wenn man in Isolationshaft ist und mit den anderen Gefangenen bei keiner Gelegenheit zusammenkommt. Dann kann aller­dings der kurze Kontakt mit dem Hausarbeiter wichtig sein: Du kannst in einer solchen Situation den Hausarbeiter bitten weiter zusagen, dass du isoliert bist und wo du liegst. Natürlich auch wie du heißt. Es kann überlebenswichtig sein, dass die Mitgefangenen über den Hausarbeiter von deiner Isolation erfahren.
Du wirst es zum Beispiel daran merken, wieviel es für dich bedeutet, wenn dir ein Mitgefangener ein solidarisches Wort im Vorbeigehen durch die Zellentür zuruft.
Vorsicht vor Geschäftemachern
Die Hausarbeiter sind zugleich diejenigen, die mit den Neuangekomme­nen die besten Geschäfte machen, indem sie ihnen Tabak aufdrehen und sich dafür teuer bezahlen lassen. Die Neuen haben vielleicht eine gute Uhr, ein gutes Feuerzeug, das wird dann für ein bisschen Tabak abge­knöpft.
Der erste Hofgang
Der erste Eindruck ist die totale Fremdheit, der man ausgesetzt ist, wenn man zum ersten mal Hofgang hat. Man kommt in einen Hof, in dem man auf andere Gefangene trifft. Man kennt niemanden. Man ist vielleicht zunächst ungeheuer neugierig, weil es der erste Tag ist, den man in den Hof kommt, während man vorher in einer Zelle allein gesessen hat. Es ist die erste Gelegenheit, wo man mit anderen Gefange­nen richtig sprechen kann.
Oder man ist so mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, dass man sich ganz auf sich konzentriert und sich wenig um die andern kümmert. Der erste Hofgang ist die erste Gelegenheit, etwas Genaueres über deine neue Umgebung zu erfahren.Dazu sollte man sich vielleicht schon in der Zelle bestimmte Fragen überlegen. Die Zeit, in der man mit andern sprechen kann, ist kurz, und wenn du erst wieder in der Zelle einge­schlossen bist, musst du wieder einen Tag warten, um von anderen bestimmte Dinge zu erfahren, es sei denn, du erfährst sie durch Zurufen am Fenster.
Wonach man sich auf jeden Fall gleich erkundigen sollte, ist

wann man zum ersten mal zum Arzt kommt, zur Zugangsuntersuchung, wie der Arzt ist, wann er Sprechstunden hat, wie man sich zu den Sprechstunden meldet,

wie oft Einkauf ist, wann man das erste Geld bekommt, wie die Überweisungen von draußen funktionieren und wann man über das überwiesene Geld verfügen kann, wann man dafür einkaufen kann,
1.wie die Gemeinschaftsveranstaltungen aussehen, ob man dazu Zugang hat und auf welchem Weg (Antrag),
2.wie die Gemeinschaftsveranstaltungen aussehen, ob man dazu Zugang hat und auf welchem Weg (Antrag),
3.wie die Freizeit aussieht, wann sie ist, ob man dazu\i Zugang hat,
4.für den, der arbeiten will: welche Arbeit es gibt,
5.Informationen über „gute“ und „ungute“ Beamte, über besondere Vorfälle, über allgemeine Zustände im Knast, über die Geschichte des Knasts,
6.Informationen über den Tagesablauf im Knast, alles was mit der Zeiteinteilung zusammenhängt: wann das Licht ausgeschaltet wird, wann Einschluss ist usw.

Der erste Kontakt ist der schwierigste
Viele schaffen es nicht, einen ersten Kontakt zu finden und hängen dann wochenlang ohne ein Gespräch mit andern herum. Das ist aber die Ausnahme, und das liegt dann auch an den einzelnen selbst, dass sie von sich aus nicht die Anstrengung machen können, ihre Vereinzelung aufzuheben. Die Anstrengung – und es ist wirklich eine Anstrengung -sollte man auf jeden Fall möglichst sofort machen. Andernfalls lebt man wie auf einem Bahnsteig. Und man wartet! Nur dass das Warten dann vielleicht unendlich ausgedehnt ist, für Monate und oft für Jahre. Im Hof läuft man gewöhnlich im Kreis. Es sind meistens mehrere, die nebeneinander laufen, und wenige laufen allein. Das sind meistens nur die Neuzugänge. Es gibt auch einen Knastausdruck: „der geht mit dem“. Man wechselt aber auch öfter, aber diejenigen, die untereinander wech­seln, bleiben auch unter sich. Normal ist, dass man in einer Gruppe von drei, vier, fünf Leuten ist, mit denen man abwechselnd im Hof geht. Man geht an einem Tag mit dem, dann kommt ein anderer aus der eigenen Clique hinzu, und der erste geht dann mit einem anderen, aber der ist dann vielleicht wieder aus derselben Clique. Manchmal geht man zu zweit, manchmal zu dritt – und man kennt diese Leute, mit denen man immer geht, besser als alle anderen.
Wie man in eine solche Gruppe hineinkommt oder wie man überhaupt zu einem ständigen Kontakt kommt; oft beginnt das damit, dass man den andern fragt, ob er was bestimmtes hat, was man gerade braucht. Dann kommt die Frage: Wann bist du hergekommen? Wohin gehst du? Was glaubst du, dass du zu erwarten hast? Seit wann bist du hier? Wann hast du Prozess! Was hast du für einen Anwalt? – Das sind die ersten Gesprächs­themen. Die meisten andern nehmen eigentlich gar keine Notiz von einem. Es sei gehen mit ihren Freunden, die sie vielleicht schon monatelang kennen, mit denen sie Themen haben, über die sie sich unterhalten. Und es drängt sie, wenn sie aus dem Zellenbau herauskommen, gleich das loszuwerden, was sie beschäftigt. Sie merken vielleicht erst gar nicht, dass da ein Neuer ist. Das fallt ihnen erst im Laufe des Hofgangs auf, oder erst Tage später. Und der Neue ist unsicher, wie er sich verhalten soll, in welche Richtung er loslaufen soll. Er weiß nur, dass er im Kreis laufen muss.
Und er läuft dann zunächst allein. Irgendeiner wird ihn dann vielleicht ansprechen, ihn fragen, ob er gerade reingekommen ist oder ob er auf Transport ist, ob er Tabak hat. Man kann dann auch über die Schnorrerei Kontakt finden. Dann schleicht sich vielleicht ein anderer an, der erzählt ihm seine Sache, wegen der er sitzt – eben die üblichen Knastgespräche. Da wird die Unzufriedenheit abgeladen. Aber auf jeden Fall sind es die ersten Kontakte für einen, der niemand kennt, Es kommt oft vor, dass die Zugänge nicht zum ersten mal im Knast sind, und dann kann man schon mal Bekannte treffen.
Allerdings stößt es auf Unwillen, wenn man andere nach ihrem Delikt ausfragt, weil sie sich dann ausgehorcht fühien. Man sollte zuerst viel einfachere Fragen stellen, die kein Misstrauen provozieren. Geht jemand im Hof ständig allein, so sollte man auf ihn zugehen und schauen, ob man ihm irgendwie helfen kann. Vielleicht bewahrt man dadurch jemanden vor dem Selbstmord.
Die,,üblichen“ Knastgespräche

Es ist zunächst schwierig, ein Gesprächsthema zu finden. Die meisten Gefangenen in U-Haft sind fixiert auf ihre eigenen Sachen, wegen denen sie eingesperrt sind -auf den Prozeß, den Anwalt, den Knast. Alle Gespräche scheinen sich irgendwie um den Knast zu drehen und um den Prozess. In Strafhaft ist es hauptsächlich der Knast, und in U-Haft ist es mehr der Prozess. Auch die Dinge, die man vom Leben eines andern erfährt, sind ja meistens Dinge, die mit dem Knast zu tun haben. Man erfährt, dass er auch schon früher im Gefängnis war und dass der eine Knast so ist und der andere so. Vom Leben, das einer geführt hat, erfährt man lauter Verwaltungsbezeichnungen. Man erfährt ein Leben so, wie die Justiz es erzeugt hat, nämlich als eine Folge von Prozessen, Verwal­tungsakten und Bestrafungen und außerdem Knast und nochmal Knast. Und das ist schwer zu durchbrechen. Man kann monatelang mit einem andern im Hof laufen und jeden Tag eine Stunde mit ihm reden, bevor man erfährt, was er draußen eigentlich gemacht hat – ob er eine Familie hat, ob er Kinder hat oder sonst was über sein Leben. Das ist alles sehr im Hintergrund. Auch für ihn spielt es nicht mehr eine so große Rolle. Trotzdem, sind die Verhaltensformen untereinander im Hof nicht so anders als draußen. Denn der Knast ist auch ein Abbild der Gesellschaft draußen. Man wird also auch im Knast dieselben Gewohnheiten, diesel­ben Konflikte und auch Gespräche finden wie draußen. Auch im Knast hat man es mit bestimmten sozialen Gruppen und Klassen zu tun, die sich gegenseitig anziehen oder abstoßen. Je nachdem, welcher Schicht man selbst zugehört, wird man unter Umständen zu einer bestimmten Gruppe Kontakt finden oder nicht. Dabei kommt es auf mehr an, als auf persönliche Anstrengung und guten Willen. Es kommt drauf an, ob man auch draußen zu einer bestimmten Schicht gehört hat und worauf sich die eigenen sozialen Sympathien richten. Bestimmte Gruppen von Gefange­nen werden für einen selbst vielleicht immer unzugänglich sein. Hier sollte man sich nicht so aufzudrängen versuchen, vor allem nicht mit moralischen Urteilen.

Es gibt auch unter den Gefangenen Ausbeuter und Ausgebeutete
Vor Geschäftemachern sollte man sich auf jeden Fall in acht nehmen. Solche, die aus Gewohnheit Geschäfte machen, mit denen sie andere ausnutzen, werden auch mit dem, was sie von anderen wissen, Geschäfte machen.
Deshalb keine leichtfertigen Aussagen darüber, warum du im Knast bist! Es ist durchaus möglich, dass du denunziert wirst. Gegenseitiges Denun­zieren kommt hier oft vor, es liegt in einer solchen Lage auch nahe. Es kann der rettende Strohhalm sein, an den sich einer klammert. Es gibt immer welche, die Gehörtes weitergeben. Sie tun es entweder aus Berechnung oder aus Dummheit und gewohnheitsmäßiger Unterwürfig­keit gegenüber Beamten.
Die Kripo spart nicht mit entsprechenden Angeboten und Druckmitteln. Viele fallen darauf herein und werden zu Verrätern.
Auch dir gegenüber ist man misstrauisch
Im Knast herrscht deshalb allgemeine Angst vor Verrat. Man sollte Verständnis dafür haben, dass andere Mitgefangene einem selbst gegen­über zurückhaltend und vielleicht sogar ziemlich misstrauisch sind. Offene Gespräche sind selten. Die politischen Gefangenen bilden hier den auch von den andern als solche angesehen, die nicht denunzieren. Das ist einer der Gründe für das-Ansehen, das sie bei den anderen Gefangenen haben.
Kein Verfolgungswahn!
Trotz der üblen Erfahrungen, die viele im Knast mit ihren Mitgefange­nen gemacht haben, sollte man sich vor übertriebenem Misstrauen und Verfolgungswahn hüten, denn im schlimmsten Fall kann auch gerade dieser Verfolgungswahn das provozieren, wovor man sich in acht neh­men will – indem man ein derartiges Misstrauen um sich verbreitet, dass man sich das Misstrauen aller und vor allem die Abneigung aller zuzieht. Was unter Umständen bedeuten kann, dass man erst recht gelinkt wird. Außerdem ist diese Angst meistens tatsächlich übertrieben. Wen du für einen Denunzianten hältst, der dich aushorchen will, kann jemand sein, der tatsächlich an dir interessiert ist. Er wird durch ein solches offenes Misstrauen dann von dir zurückgestoßen.
Es ist im Knast nicht anders als draußen. Nur: draußen merkt man es nicht so. Aber auch draußen ist man ja vorsichtig bei Leuten, die man nicht kennt – und auch draußen würde man nicht offen über seine Straftaten sprechen – oder über Dinge, die andere nichts angehen.
3.2. Gemeinschaftlicher Alltag
Das,,Betriebsklima“ des Knasts
Es gibt in jedem Knast ein bestimmtes „Betriebsklima“. Und es gibt eine Art von Solidarität, auch wenn sie immer sehr zwiespältig ist. Einerseits ist da eine sehr beeindruckende Solidarität zwischen den Gefangenen, die viel größer sein kann als die Solidarität zwischen Menschen außer­halb eines Gefängnisses. Das ist die spontane Solidarität zwischen denen, die in einer gemeinsamen üblen Lage sind. Und das sind die Gefangenen alle. Diese gemeinsame Lage schafft ein ganz spontanes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Man kann sie ebenso in der Untersuchungshaft wie in der Strafhaft finden, allerdings ebenso ihr Fehlen an manchen“ Stellen, in manchen Situationen, bei einzelnen oder Gruppen von Gefan­genen. In der U-Haft kann für ein solidarisches Klima eine gewisse Ungebrochenheit und Widerstandsfähigkeit, kurz nach der Verhaftung, auch ein besserer Gesundheitszustand, ausschlaggebend sein. Anderer­seits herrscht hier auch eine gewisse Unverbindlichkeit wegen des ständigen Kommens und Gehens, das die Solidarität erschweren kann. Und bei der Strafhaft kann man sagen: auf der einen Seite als positiver Faktor für das Entstehen von Solidarität die gemeinsame Perspektive durch länge­res Zusammenleben und bessere gegenseitige Bekanntschaft; auf der andern Seite aber ist in Strafhaft die Gefahr des Gebrochenwerdens gerade wegen dieser Aussicht auf eine längere Strafe und der damit verbundenen Hoffnung auf vorzeitige Entlassung (Zweidrittel, Halb­strafe) größer als in U-Haft. Das Klima der Solidarität ist deshalb weniger eine Frage des Knasts als eine Sache bewusster Aktivität, des Willens und der Persönlichkeit derer, die im günstigsten (oder ungünstig­sten) Fall auf einer Station oder in einem Flügel aufeinander treffen. Es ist jedenfalls sicher, dass einige wenige Gefangene, wenn die Bedingun­gen günstig sind, das Klima der Solidarität auf ihrer Station sehr verbes­sern können – ein Grund für die Anstaltsverwaltung, sie zu trennen.
Solidarität und Unsolidarität
Für uns ist zunächst wichtig, wie man dieses „Betriebsklima“ überhaupt erkennt, wie man es einschätzen kann – durch welche Beobachtungen. Und vor allem, wie man auf dieses Klima selber in seiner unmittelbaren Umgebung Einfluss nehmen kann.
Dafür gibt es zunächst einen Maßstab der Beobachtung: die Tauschge­schäfte. In jedem Knast sind sie üblich. In der Art, wie sie üblich sind, ob sie etwas sind, was man dauernd um sich beobachtet oder ob sie mehr im Hintergrund vorgehen, ob das ganze Klima von einer egoistischen Tauschhaltung, von Geschäftemacherei bestimmt ist, oder ob das Klima von einer freundschaftlicheren Art ist – daran kann man ablesen, wie es beschaffen ist. Die Tauschgeschäfte sind die unterste Stufe dieser Soli­darität, wo Solidarität übergeht in Unsolidarität, Eigensucht. Auch diese Tauschgeschäfte können verschiedenen Charakter haben. Sie können gegenseitige Ausbeutung sein, sie können auch gegenseitige Hilfe sein. Und im günstigsten Fall sind sie uneigennützige gegenseitige‘ Hilfe und verlieren dadurch völlig den Charakter eines Geschäfts. Das Tauschver­halten im Knast sollte man deshalb nicht grundsätzlich ablehnen. Um zu verhindern, dass man hereingelegt wird, sollte man sich bei andern Gefangenen nach den Preisen erkundigen. Es gibt im Knast eine „Wäh­rung“ – die Tabakwährung. Was etwas kostet, wird am Wert eines „Koffers“ (Päckchen) Tabak gemessen. Das ist aber nicht der Einkaufs­wert des Tabaks, sondern der Wert, den er auf dem „schwarzen Markt“ des Knasts hat.
Es gibt allerdings auch die konkrete und alltägliche Unsolidarität, eine alltägliche fürchterliche Gleichgültigkeit für alles, was andere angeht-gebracht, sie bestimmt die ganze gewöhnliche Sprache, den Umgangston. Was andere angeht, ob die in den Bunker kommen, ob die keinen Tabak haben, ob sie eine hohe Strafe verpasst bekommen – wie man das ausdrückt, wie man miteinander darüber redet, das wird bestimmt von einer furchtbaren Vereinzelung, die im Knast gleichzeitig herrschen kann.
Tatsächlich ist das Klima in den einzelnen Knästen, Abteilungen und von Zeit zu Zeit innerhalb dieser Knäste und der Abteilungen immer ein verschiedenes. Es fällt und steigt wie die Temperatur. Es ist also beeinflusst durch das Verhalten von einzelnen und von Gruppen. Die Solidarität ist etwas sehr zwiespältiges und oft verborgenes, eine Schicht der Knastgemeinschaft, die nicht immer oben ist, sondern unter­halb einer ganz anderen Art, miteinander umzugehen. Dieses innere Klima eines Knasts ist auch etwas sehr flexibles. Es lässt sich verändern. Die Beamten, die Administratoren, aber hauptsächlich die Gefangenen selbst stellen es. her, und es ist damit, ein Prozess mit einer bestimmten Gesetzmäßigkeit, die man zu durchschauen versuchen sollte, um Einfluss zu nehmen.
Man sollte jedenfalls nicht in den Fehler verfallen, dieses Klima der alltäglichen Unsolidarität, wie man es zunächst bemerken wird, als Beweis zu nehmen, dass es im Gefängnis überhaupt keine Solidarität gäbe.
3.3. Was Gefangene gemeinsam tun können
Das „Betriebsklima“ des Knasts ist von der Institution ebenso mitbe­stimmt wie von den Gefangenen selbst – und damit von den Möglichkei­ten, die die Gefangenen haben, zusammen zukommen, miteinander zu sprechen, sich kennenzulernen. Diese Möglichkeiten werden mit Absicht beschränkt.
Diese Kommunikation spielt sich ab bei einerseits beaufsichtigten und reglementierten Gelegenheiten, andererseits aber auch in den Zwischen­räumen der totalen Kontrolle, die im Knast herrscht. Beaufsichtigt ist zwar alles, aber nicht alles lässt sich eben beaufsichtigen. Der größte Teil der Kommunikation der Gefangenen entzieht sich der Kontrolle durch die mächtige Verwaltung: die Gespräche, die Kassiber usw.
Es gibt die offiziellen Einrichtungen der Kommunikation:
Die Gemeinschaftszelle: Lies dazu Abschnitt 3.4.
Der Hofgang:
Er ist jeden Tag, und wenn man nicht isoliert ist, also nicht Einzelhofgang hat, kann man ihn dazu benutzen, aus der Vereinzelung, in die man sonst in der Zelle eingeschlossen ist, herauszukommen.
Freizeit oder Urnschluß:
Die Freizeit wird in den verschiedenen Anstalten unterschiedlich gehandhabt und ist auch zwischen U-Haft und Strafhaft verschieden. In der Rege! sind es ein bis zwei Stunden täglich. In der U-Haft wird diese Möglichkeit immer häufiger ausgeschaltet. Umschluß muss man beantragen. In der U-Haft braucht man eine richterliche Genehmigung. In Strafhaft hat man in manchen Knästen einen Umschluß der Station von Zeit zu Zeit. Das bedeutet, dass die Zellen offen . bleiben, für einige Stunden. -Fernsehen: Auch das Fernsehen kann benutzt werden, um mit anderen zusammen zukommen oder einfach um sich zu informieren. Meistens ist das Programm allerdings miserabel ausgewählt und der Informationswert im Vergleich zu einer Tageszei­tung oder einem selbst gewählten Buch gering.
Gemeinschaftsveranstaltungen, Kurse: Lies dazu Abschnitt 3.5.
Der Gottesdienst:
Er ist eine ebensolche Gelegenheit, mit anderen zusammen zukommen und ist der traditionelle Ort der „Subkultur“ im Gefängnis. Dort trifft man sich mit Leuten von den anderen Stationen, zu denen man sonst keinen Zugang hat. Näheres hierzu unter 3.6. Falls man arbeitet {was auch in U-Haft der Fall sein kann), kann man die Arbeit auch dazu benutzen, mit anderen zusammen etwas zu machen – falls man die Chance hat, eine Gemeinschaftsarbeit zu bekommen (siehe zu Arbeit Abschnitt 9.1. und 9.2.). ■ Gefangenenzeitung: (siehe Abschnitt 3.8.)

Die nicht offizielle Kommunikation
Neben diesen „erlaubten“ Möglichkeiten, etwas zusammen zu tun, gibt es solche, die üblich sind, obwohl sie unerlaubt sind. Dazu gehört das Sprechen am Fenster. Schon am ersten Tag im Knast wird man merken, dass der Knast sich mit sich selbst unterhält. M-an spricht von Zellenfenster zu Zellenfenster. Jeder Knast führt so ein Selbstgespräch, das Gespräch aller, die abends, wenn sie eingeschlossen sind, am Fenster hängen und mit ihrem Nachbarn oder mit einem unten oder oben oder manchmal quer über die ganze Zellenhausfront reden. Das geht bei alten Gefängnissen genauso wie bei neuen.
Im Knast hat man als Neuling, der nur die aggressiven Geräusche des Zellenhauses hört, das Gefühl, dass sich jeden Moment ein Grüner auf einen stürzen könnte. Zum Beispiel wenn man am Fenster quatscht. Das ist eine Täuschung. Orientiere dich lieber an dem. was andere machen und nicht an deinen eigenen Befürchtungen. Das Pendeln ist ebenso in allen Knästen üblich, wird allerdings von den Grünen immer zu verhindern versucht. Unter Pendeln versteht man das gegenseitige Zuwerfen eines Gegenstands, der an einer Schnur (Pendel­schnur), notfalls noch mit einem Gewicht daran, befestigt ist. Gependelt wird von Fenster zu Fenster. Es ist schwierig, wenn die Fenster mit einem Maschendraht verbaut sind oder wenn Sichtblenden davor sind. Aber auch da finden immer welche eine Möglichkeit . . . Man muss natürlich damit rechnen, besonders bei Sachen, die sich am Fenster abspielen, dass man von dem Wachhabenden im Hof gemeldet wird, der mit einem Fernglas die Fenster absucht.
Ein weiteres übliches Mittel, mit anderen in Verbindung zu kommen -wenn ihre Zelle zugeschlossen ist oder zum Beispiel! wenn sie isoliert sind oder auf einer anderen Station liegen – ist ein Kassiber, ein Stück beschriebenes Papier, das meistens winzig klein ist, um es notfalls aufessen zu können, und das man entweder selbst durch eine Tür schiebt oder von einem Hausarbeiter bzw. einem anderen Gefangenen überbrin­gen lässt. Wenn Hausarbeiter die Zuträger sind, kann das allerdings riskant sein. Aber Hausarbeiter sind dafür oft die letzte Möglichkeit. Eine früher beliebte Methode, sich zwischen nahe gelegenen, insbeson­dere übereinanderliegenden Zellen zu verständigen, bestand darin, das Röhrensystem der Klos und Waschbecken als „Telefon“ zu benutzen. Ob das auch heute noch geht, ist von Knast zu Knast verschieden. In den meisten Knästen, vor allem den alten, geht es – in neuen geht es manchmal nicht mehr.
Der Syphon, das U in dem Rohr, das gewöhnlich mit Wasser gefüllt ist, wurde dazu ausgeleert. Dieses Wasser wurde entweder ausgepumpt, herausgedrückt oder aufgesaugt mit Hilfe eines Lappens oder Schwamms. Beim Waschbecken konnte man den Syphon unter Umstän­den einfach aufschrauben. Das berühmte Klopfalphabet ist nicht mehr so sehr im Gebrauch.

Es sieht so aus:

Man teilt das gesamte Alphabet in Fünfergruppen auf. Jeder Buchstabe besteht aus zwei Schlägen. Der erste Schlag bezeichnet die Zeile, also zum Beispiel 1,2,3,
4 oder 5, der Zweite Schlag bezeichnet die Steile des Buchstabens innerhalb einer Zeile, wofür es ebenfalls nur fünf Möglichkeiten gibt. Danach bedeutet zum Beispiel der Buchstabe S: 4 Schläge und 3 Schläge, also 4 für die Zeile 4 und 3 Schläge für die Stelle 3, wo der Buchstabe steht. Natürlich wird das Klopfalpha­bet auch als optisches Verständigungssignal benutzt.
Es gibt sicher noch eine Vielzahl anderer Verständigungsmöglichkeiten unter Ausnutzung der besonderen Bedingungen in den verschiedenen Anstalten.
Nach der Hausordnung ist diese Art der Kommunikation verboten und kann mit Hausstrafen belegt werden. Aber die Hausordnung ist in vielen Punkten nur dazu da, zu zeigen: wir können euch alles verbieten, wenn wir wollen. Wenn diese Hausordnungen strikt von den Grünen eingehal­ten würden, wäre u.U. auch das Weitergeben von Zeitungen und das Ausdemfenstersehen, ja oft selbst das Sprechen verboten. Trotzdem wird beim Hofgang gesprochen und aus gerade den verbotenen Fenstern hinaus geguckt. Die Grünen versuchen ihr Bestes, das alles zu verhin­dern. Aber das liegt an den Vorschriften: wenn sie übertrieben sind, dann sind sie eben nur durch übertriebene Anstrengung einzuhalten, und die Beamten scheuen die übertriebene Anstrengung (siehe auch den Abschnitt 8.1. „Hausstrafen“).
Möglichkeiten gemeinsamen Handelns
Im folgenden sollen einige Dinge aufgeführt werden, die als Möglichkei­ten gemeinsamen Handelns von Gefangenen vorgeschlagen worden sind und womit auch bereits Erfahrungen gemacht wurden. Es sind Dinge, die im Knast zum Teil üblich sind, also nichts, was man sich erst ausdenken müsste.
Sich um Neue kümmern
Sehr verbreitet ist, dass man sich um Neuzugänge kümmert, die meistens noch keinen Einkauf haben – dass man ihnen die notwendigsten Dinge, wie Tabak, Kugelschreiber, Papier, Kuverts, Briefmarken usw. beschafft.
Man kann sehr leicht erfahren, wer ein Neuzugang ist, und man wird wissen, was er braucht, wenn man ihn fragt. Diese Hilfe wird auch öfter ausgedehnt zu einem Fond für Tabak. Manchmal legen mehrere Leute abzugeben. Normalerweise werden mittellose Gefangene von den übri­gen mit dem Notwendigsten versorgt.
Schreibarbeiten
Eine andere Möglichkeit ist die gegenseitige „Dienstleistung“ mit Schreibarbeiten. Derjenige, der eine Schreibmaschine hat, wird sowieso von anderen angegangen, ob er nicht Anträge, Beschwerden, auch Briefe tippen kann. Man sollte das nicht ablehnen. Es ist eine gute Möglichkeit, jemanden besser kennenzulernen und auch jemandem zu helfen. Es kann einem anderen unter Umständen sehr helfen, wenn man seine Sachen nicht nur abschreibt, sondern auch mit ihm darüber redet, die Anträge vielleicht, wenn es nötig ist, umformuliert, verbessert, ihm bestimmte juristische Bücher dafür gibt und ihm Vorschläge macht, was man in seinem Fall unternehmen könnte.
Das Schreiben für andere spielt eine wichtige Rolle im Knast, gerade angesichts der ständigen Unterbrechung der Kommunikation durch die Einschließung in den Zellen.
Die Vereinzelung wird auch durchbrochen durch Briefe nach draußen, die man für andere schreibt – durch Schriftsätze, Schreiben an Rechtsan­wälte, Presse usw.
Lesematerial weitergeben
Eine gute Möglichkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten, ist auch, eine Zeitung zu verteilen und dafür zu sorgen, dass sie an möglichst viele Leute verteilt wird, vor allem wenn es eine Tageszeitung ist, Tageszei­tungen sind sehr begehrt, und man sollte die Verteilung so organisieren, dass sie nicht von einem, dem man sie weitergegeben hat, unter den Nage! gerissen wird, sondern dass sie möglichst viele lesen.
Du kannst deine Fähigkeiten für andere einsetzen

Man kann seine eigenen Fähigkeiten – vor allem wenn es berufliche Fähigkeiten sind – für andere verwenden. Wenn man z.B. Krankenpfle­ger ist, kann man sich um die Gesundheit seiner Mitgefangenen küm­mern. (Das kann man allerdings auch, wenn man kein Krankenpfleger ist, aber den medizinischen Teil dieses Ratgebers studiert hat.) Wenn man juristische Kenntnisse und die entsprechenden Bücher hat, kann man sie für andere verwenden. Man muss eben sehen, welche Fähigkeit
man für andere einsetzen kann. Auch damit wird man nicht nur den
andern helfen, sondern sich selbst die Öde des Alleinseins vertreiben
können. ,
Wenn man Fremdsprachen beherrscht, kann man das für ausländische Gefangene, die oft nicht oder zu wenig deutsch sprechen können, einset­zen. Näheres im Abschnitt 7.2. für ausländische Gefangene. Wenn man Kontakt zu politischen Gruppen hat, kann man sie auch für andere nutzbar machen.
Gemeinsamer Einkauf
Eine Möglichkeit, die schon oben angedeutet worden ist, ist der Gemein­schaftseinkauf. Das ist etwas, was denen, die kein Geld haben, unmittel­bar nützen kann. Dazu Näheres in den Abschnitten Geld und Einkauf 9.4 und 9.5.

Überlebenshilfe

Eine sehr wichtige Sache ist noch die Hilfe für isolierte und von Haus­strafen betroffene Gefangene. Lies dazu Kapitel 8. über „Sicherheit, Ordnung und Disziplin“.

Interner Knastratgeber

Wenn man eine Schreibmaschine hat und einigermaßen in einem Knast Bescheid weiß, kann man – mit anderen zusammen – vielleicht einen internen „Knastratgeber“ herstellen, den man auf Durchschlagpapier oder auf sonstige Weise vervielfältigt und an andere‘ verteilt (siehe Abschnitt 3.8. „Anstaltszeitungen“). Man kann Muster von Dienstauf­sichtsbeschwerden, von Strafanzeigen, von Briefen an die Presse und von anderen immer wiederkehrenden Sachen aufsetzen. Man kann durch ein Beispiel zeigen, wie man.einen Antrag auf Haftunfähigkeit schreibt. Man kann Ratschläge für den Umgang mit Anwälten und mit Richtern im Prozess geben und andere Ratschläge, die einen unmittelbaren Gebrauchswert in der Untersuchungshaft haben. Dasselbe kann man auch in Strafhaft tun. Dabei sollte man vor allen Dingen auf lokale Besonderheiten eingehen, was wir in unserem Ratgeber nicht tun kön­nen, z.B. auf die Eigenarten bestimmter Beamter und bestimmter Vor-Das sind. natürlich noch nicht alle Möglichkeiten, sondern nur einige Beispiele. Wenn man noch andere Möglichkeiten sucht, wird man sie auch mit Sicherheit finden.
In den folgenden Abschnitten noch einmal etwas genaueres zu den wichtigsten offiziellen Gemeinschaftsveranstaltungen und anderen Mög­lichkeiten zusammen zukommen und was man daraus machen kann.-

3.4. Möglichkeiten, sich verlegen zu lassen
Die Gemeinschaftszelle
Die Untersuchungshaft wird grundsätzlich als Einzelhaft vollzogen. Dazu lautet die offizielle Begründung: Für Untersuchungsgefangene als Nichtverurteilte gilt die Unschuldsvermutung. Die Einzelzelle gilt also als allgemeine Vergünstigung, den möglicherweise Unschuldigen davor zu bewahren, mit möglicherweise „Kriminellen“ zusammenleben zu müssen. Daraus müsste eigentlich folgen, dass es der freien Entscheidung des Unter­suchungsgefangenen überlassen bleibt, auf diese Vergünstigung zu ver­zichten.
Das Strafvollzugsgesetz schreibt inzwischen auch für den Vollzug der Strafhaft die Unterbringung in Einzelzellen vor. Diese Regelung gilt je­doch nicht für Anstalten, die bereits gebaut und mit Gemeinschaftszellen versehen sind. Für die Praxis bedeutet dies, dass nach wie vor die Gemein­schaftszelle in der Strafhaft die Regel ist.
Die Einzelzelle ist an sich genauso vorteilhaft oder mit Nachteilen behaftet wie die Gemeinschaftszelle, je nach dem, welcher Typ man ist. Es gibt solche, die es in Gemeinschaftszellen nicht aushalten und solche, für die die Einzelzelle die Hölle ist. Das liegt in erster Linie an einem selbst, an der Art, wie man eben auf bestimmte Umgebungen reagiert. Um in U-Haft in eine Gemeinschaftszelle zu kommen, muss man erst einen Antrag an den Haftrichter stellen und sich dann mit der Genehmigung des Richters an die Anstaltsleitung wenden. In Strafhaft wendest du dich di­rekt an die Anstaltsleitung.
Als Begründung dürfte am erfolgversprechensten sein: Krankheit, Drogen­sucht, Depressionen und ähnliches — vor allem dann, wenn die . Zusammenlegung auch von dem Anstaltsarzt befürwortet wird. In der Regel wird man jedoch nicht mit irgendwem zusammengelegt werden wollen, sondern hat sich schon mit einem bestimmten Mitgefan­genen, der gleichzeitig eine Gemeinschaftszelle beantragt — oder in dessen Gemeinschaftszelle ein Platz frei geworden ist — abgesprochen. Man braucht aber eine Menge Glück, um nun tatsächlich mit dem- oder derjenigen zusammengelegt zu werden. Es kann daher sinnvoll sein, hier noch eine plausible Begründung dafür zu überlegen, warum man mit einem bestimmten Menschen zusammen sein will:
Problematisch ist es, zu erklären, dass man sich schon von früher kennt — die Anstaltsleitung wittert dann gleich Komplizenschaft.

gelernt hat, dass man in der selben Gemeinschaftsgruppe oder am selben Arbeitsplatz ist und gut miteinander auskommt.
Am besten verbindet man diese Begründung noch mit der Hilfsbedürftig­keit des einen (wegen Krankheit, Sprachschwierigkeiten etc.) und Hilfs­bereitschaft des anderen.
Erwecke aber nicht den Anschein, dass ihr euch allzu sehr mögt — auch wenn es der Fall ist.
Erkläre, dass ihr gemeinsame (Bildungs-) Interessen habt, zusammen Sprachen lernen wollt etc. Vielleicht lässt sich auch ein gutwilliger Psycho­loge, Sozialarbeiter oder Pfarrer dazu bewegen, den Antrag zu unterstüt­zen. Da du ja als U-Häftling einen Anspruch auf eine Einzelzelle hast, kannst du jederzeit deinen Antrag wieder zurückziehen und wieder eine Einzelzelle verlangen.
Diese Aussicht auf lästige Arbeit kann in manchen Fällen für sie ein Be­weggrund sein, dir lieber gleich nachzugeben.
Allerdings wird sie diese Mühe gerne auf sich nehmen, wenn sie damit rechnet, sich sonst eine kleine subversive „Zelle“ in den Knast zu pflanzen. Besonders in Strafhaft stellt sich oft die Frage, wie man aus einer bestimmten Gemeinschaftszelle herauskommt, da du hier — anders als in der U-Haft — keinen Anspruch auf eine Einzelzelle besitzt. Hier kann man gesundheitliche Gründe anführen; oder auch andere Gründe, z.B. Fortbildung (man braucht Ruhe zum Arbeiten), oder man erklärt einfach, mit seinen Zellengenossen nicht klar zu kommen. Auch wenn dies nicht stimmt, ist es sinnvoll, wenn diese deine Verlegung mit der gleichen Begründung ebenfalls beantragen.
Wenn alles nichts hilft, packt man einfach sein Bündel zusammen, stellt sich in der Freistunde damit vor die Tür und weigert sich, die Zelle wieder zu betreten. Man riskiert dabei zwar, einige Stunden in die Absonderung zu kommen — aber es soll ganz wirkungsvoll sein.
Stationswechsel
Ebenfalls sehr schwierig ist es, einen Stationswechsel durchzusetzen. Willst du das, weil du auf der anderen Station Leute gut kennst und mehr mit ihnen Zusammensein willst als nur beim Gottesdienst, dann wird es sinnvoll sein, gerade das nicht als Grund anzugeben. Suche möglichst „harmlose“ Gründe. Dazu musstt du dich vorher ge­nauestens erkundigen, wie es auf der betreffenden Stationaussieht.. Infrage kämen folgende Begründungen: Du bist besonders lärmempfindlich (Kopfschmerzen, Migräne und ähnlichen Beschwerden) und mußt deshalb von der Straßenseite weggelegt werden.
Du hast rheumatische oder ähnliche Beschwerden und wüst deshalb in eine Zelle gelegt werden, in die etwas Sonne herein scheint, die an der Sonnen­seite liegt und dadurch etwas wärmer ist.
Du leidest unter starker Knastkurzsichtigkeit und brauchst deshalb eine Zelle, aus deren Fenster man etwas sehen kann, um deine Augen wieder an größere Entfernungen zu gewöhnen. Eine bessere Aussicht aus dem Zellenfenster kann auch bei schweren Depressionen nötig sein, um sich etwas abzulenken. .
Auch Allergien (d.h. überempfindliche körperliche Reaktionen auf äußere Reize) können eine Verlegung begründen: bestimmte Geruchsallergien, z.B. wenn die Station bei der Knastküche liegt oder beim Werkhof;Staub­allergien, wenn die Zelle in einem unteren Stockwerk liegt, wenn sie an der Straßenseite liegt, wenn sie einer Baustelle zugerichtet ist, wenn sie dem Werkhof zugerichtet ist. Allergien können in verschiedenen Formen auf­treten: starker Niesreiz, Schnupfen (Heuschnupfen), Hustenreiz, Kopf­schmerzen, Augenreizungen, Hautreaktionen, (Ausschläge, Rötungen). Man sollte in diesem Fall versuchen, den Arzt einzuspannen.

Verlegung in eine andere Anstalt
Eine Verlegung wird man nur selten erreichen. Als Begründung kommt in Frage, dass die Entfernung zu den draußen lebenden Angehörigen so groß ist, dass regelmäßige Besuche nicht möglich sind. Diese Begründung kann man auch auf Ehegatten beziehen, die ebenfalls inhaftiert sind und wenn die Entfernung zwischen den Knästen regelmäßige Besuche nicht zulässt. Man konnte auch versuchen, den Antrag damit zu begründen, dass man eine bestimmte Aus- und Weiterbildung unternehmen will und dies hier nicht möglich ist. Allerdings wird man mit dieser Argumentation in U-Haft kaum Erfolgsaussichten haben.
In Strafhaft gewinnt vor allem das Argument der Aus- und Weiterbildung größeres Gewicht. Doch auch familiäre Gründe sind in Strafhaft von größerer Bedeutung als in U-Haft, denn erst in Strafhaft gibt der Staat vor, dich „resozialisieren“ zu wollen.

3.5. Die offiziellen Gemeinschaftsveranstaltungen
Die Teilnahme an Sport-, Bastel- und anderen Gruppen wird meist von deiner „Führung“ abhängig gemacht. Sie wird somit wie jede „Vergünstigung“ als Disziplinierungsmittel verwendet.
Dennoch sollte man ruhig versuchen, in möglichst viele Gemeinschafts­veranstaltungen hineinzukommen, denn sie bieten neben dem kurzen Hofgang eine weitere Möglichkeit zusammen zukommen, miteinander zu reden, Informationen auszutauschen, Probleme gemeinsam anzugehen — auch wenn das nicht das Thema der Freizeitgruppe ist. Welche Gruppe sinnvollerweise besucht werden sollte, hängt von den speziellen Bedingungen in der jeweiligen Gruppe ab — und natürlich auch von deinen Interessen. Informiere dich deshalb bei deinen Mitgefangenen darüber, wie die verschiedenen Gruppen ablaufen. Wichtig zu erfahren ist:
Wer die einzelnen Gruppen leitet, ob es ein Vollzugsbeamter ist oder z.B. ein ehrenamtlicher Mitarbeiter von draußen, was in der Regel günstiger ist; wie sehr man dort beobachtet und kontrolliert wird, ob ein zusätzlicher Aufpasser dabei ist; wie stur der Gruppenleiter ist usw. Wenn sich nachher mehrere in der Gruppe dafür einsetzen, dass z.B. die erste halbe Stunde für Gespräche untereinander freigegeben wird, so gelingt es manchmal, dies durchzusetzen.
Es gibt in den Gruppen eine begrenzte Teilnehmerzahl und natürlich viel zu wenig derartige Gruppen. Das hat zur Folge, dass man sich oft in eine Warteliste eintragen muss und unter Umständen insgesamt nur an zwei Gruppen nebeneinander teilnehmen darf. Es ist deshalb sinnvoll, die Teilnahme so schnell wie möglich zu beantragen, sonst kann es dir passieren, dass du den Knast verlässt, bevor du überhaupt an der Reihe warst.
Wie man in der U-Haft in Gruppen kommt
Besonders schwierig ist es in der U-Haft, in eine solche Gruppe zu kom­men. Hier gibt es viel weniger Angebote; zudem ist man der Ansicht, der U-Gefangene habe keinen Rechtsanspruch auf die Teilnahme. Wie schon oben gesagt wurde, haben manche U-Haft-Anstalten für neu eingelieferte Gefangene eine generelle Gemeinschaftssperre eingeführt. Versuche es trotzdem.
In der U-Haft musst du zunächst einen Antrag zur generellen Genehmi­gung der Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen an den für dich zuständigen Haftrichter stellen. Wird der Antrag abgelehnt, dann versuche, wenn du die Ausdauer dazu hast, dich mit rechtlichen Mitteln dagegen zu wehren. Wie du dabei vorgehen musst, kannst du dem „Rechtsmittelteil“ entnehmen. Hast du die Genehmigung erhalten, so musst du noch ein „Anliegen“ oder „Vormelder“ an die Anstalt richten, mit der genauen Angabe der ge­wünschten Veranstaltung. Für den Fall der Überfüllung kann es auch sinn­voll sein, Ausweichmöglichkeiten anzugeben wenn es solche gibt.

Wie man in Strafhaft in Gruppen kommt
Hier musst du dich gleich an die Anstalt wenden. Oft werden bereits während der Aufnahmeuntersuchung die „geeigneten“ Gemeinschaftsver­anstaltungen für dich ausgesucht. Das Dumme daran ist, dass du zu diesem Zeitpunkt ja noch keine Gelegenheit hattest, dich über die verschiedenen Gruppen bei kompetenten Leuten — also bei deinen Mitgefangenen — zu informieren.
Deshalb, wenn die Vorabentscheidungen Missgriffe waren, dann solltest du nicht zögern, neue Anträge zu steilen. Versuche sie notfalls mit weiteren Rechtsmitteln durchzusetzen (siehe hierzu den Rechtsmittelteil).
Veranstaltungen
Neben den typischen, meist wöchentlich stattfindenden Gruppen, gibt es hin und wieder einmalige Veranstaltungen wie Filme, Theaterstücke, Musikauftritte etc., die es ermöglichen auch mal mit Gefangenen zusammen zukommen, die man sonst nicht treffen kann, weil sie auf einer anderen Station untergebracht sind.
Kurse
Von Bedeutung für dich können auch die verschiedenen Kurse sein, die neben der Möglichkeit der Kommunikation auch von ihrem Inhalt her ganz brauchbar sein können: Erste Hilfe, Schreibmaschine, Sprachen etc. Es gibt auch hier viel zu wenig Angebote. Versuche daher zusammen mit anderen Gefangenen, die die gleichen Interessen haben, durchzusetzen, mit mehreren.zusammen auf, oder, wenn das nicht geht, hintereinander. Nimm Kontakt mit kompetenten und vertrauenswürdigen Leuten draußen auf (z.B. einem Arzt), die sich bereit erklären würden, „ehrenamt­lich“ einen solchen Kurs (z.B. Erste Hilfe) durchzuführen. Kündige an, dass du dich an die Öffentlichkeit wenden wirst, wenn eure Forderung ignoriert wird.
Vieles kannst du dir natürlich auch allein aneignen: mit Hilfe von Sprachlehr­büchern und anderen Fachbüchern, die du vielleicht sogar in der Anstaltsbibliothek findest.Aber du wirst oft das Bedürfnis haben, mit anderen über das Gelernte zu dis­kutieren und gemeinsam zu arbeiten.
Du kannst aber auch versuchen Kurse selbst zu organisieren: Beantrage einen regelmäßigen Sonderumschluß z.B. zum Sprachen lernen mit anderen Gefangenen zu diesem Zweck. Versuche das gegebenenfalls auch rechtlich durchzusetzen. Wie groß die Chancen sind, wissen wir allerdings nicht.
Eine andere Möglichkeit ist, mit interessierten Mitgefangenen die Zusammenlegung auf eine Gemeinschaftszelle zu beantragen.
Du wirst feststellen, es geht notfalls auch ohne „Fachmann“, wenn man gemeinsam ein Buch durcharbeitet und die unklaren Dinge diskutiert. Wie man dabei am besten vorgeht, hängt von dem Fachgebiet, den zur Verfügung stehenden Lernmaterialien und den eigenen Absichten ab. Z.B. kann einer laut vor­lesen und anschließend wird der Stoff abschnitt- oder kapitelweise besprochen. Das ist insbesondere bei schweren Texten sinnvoll. Oder aber es bereitet sich jedes mal ein anderer besonders gründlich vor und referiert dann den anderen. Man muss eben ausprobieren, welche Arbeitsmethode sich am besten eignet.
Berufsausbildung
Neben dem Aneignen von Wissen und Fertigkeiten, die dich interessieren oder die dir nützlich erscheinen, besteht noch die Möglichkeit, eine Berufs­ausbildung oder einen bestimmten Schulabschluss zu machen. Darauf soll in den Abschnitten 9.1 und 9.2. über „Arbeit im Knast“ eingegangen werden — insbesondere auf das Verhältnis von Arbeit und Ausbildung im Knast (Befreiung vom Arbeitszwang bei einer Ausbildung und finanzielle Vorteile).
3.6.Gottesdienst, Seelsorge, religiöse Arbeitskreise
Das Strafvollzugsgesetz (§ 53/54) regelt die „religiöse Betreuung“ so, dass der absolute Anspruch auf Kontakt mit einem Seelsorger der eigenen Konfession anerkannt wird. Das bedeutet, dass das unüberwachte Gespräch mit dem Pfarrer — in der Regel auch in dessen Dienstzimmer — garantiere ist und durchgesetzt werden kann.. Dagegen kann das Recht auf Teilnahme am Gottesdienst und an „religiösen Veranstaltungen“ der eigenen Konfession entzogen worden, „ wenn dies aus überwiegenden Gründen der Sicherheit und Ordnung geboten ist“ — also die berüchtigte Gummiformulierung! Immerhin soll der Seelsorger vorher gehört werden. Ähnlich sind die Bestimmungen für die U-Haft.
Man kann auf dem Standpunkt stehen, dass Kirche und Pfarrer in die Mottenkiste gehören. Das heißt aber noch lange nicht, dass man nicht von der Möglichkeit Gebrauch machen sollte, die hier unter dem komischen Titel „religiöse Betreuung“ zum Vorschein kommen können.
„Himmelskomiker‘ V
Seit eh und je wird der Pfarrer im Knast von „Abstaubern“ belatschert, die auf abfallende „Koffer“ und sonstige Annehmlichkeiten spekulieren. Schön dumm, wenn er darauf reinfällt — aber viele Gefangene sind sich zu gut für diese Sorte von Bettelei, die oft noch mit frommen Augenaufschlägen „garniert“ wird.
Manchmal hat man ein Beschaffungsproblem, für das keiner so recht zuständig ist: z.B. ein neues Scherblatt für den Trockenrasierer. Da sollte man’s ruhig mal beim Pfaffen versuchen. Wenn er begreift, daß das Problem nicht anders zu lösen ist, gibt es eine Chance, dass er’s einem besorgt. Manchen besonders gutmütigen Typen unter den Pfaffen wachsen solche kleinen Besorgungen allerdings schnell über den Kopf. Geschickt ist es, den Pfarrer für Selbsthilfeprojekte einzuspannen: z.B. eine Büchse mit Tabak für Neuzugänge, die noch keinen Einkauf haben. Da soll der Pfarrer ruhig mal ein paar „Koffer“ (Tabakpäckchen) springen lassen. Oder den Kaffee bei Gruppengesprächen.
Wenn der Knastpfarrer oft „Himmelkomiker“ (oder auch einfach „Komiker“) genannt wird, dann liegt das daran, dass er meist sehr wenig Ahnung hat, was im Knast läuft, und ganz abgehoben seine Schau abzieht. Meist hat er dann noch so ne persönliche Schrulle, und keiner nimmt ihn mehr richtig ernst. Bei manchen Typen ist das richtig schade. Die sind nämlich nicht als Komiker geboren, sondern sie werden es erst mit der Zeit. So ein Pfarrer hat auf der Uni ein Menge total unnützes Zeug gelernt — und weiß Gott, was er noch alles angestellt hat, bevor er in den Knast kam, aber alles seine Nase stecken, so langsam richtet er sich häuslich ein, macht seinen Gottesdienst, macht seine Gruppen (wenn er welche macht), seine Besuche bei einzelnen Leuten, merkt gar nicht, was ihm alles entgeht. Er gehört ja auch zu den „Bediensteten“, bekommt seine Informationen oft vom Direktor…
Das muß nicht so sein, daß so einer zum Komiker wird. Die anderen Bediensteten sind ihren Vorgesetzten verantwortlich. Sie haben sich an ihre Dienstvorschriften zu halten, das Strafvollzugsgesetz, die Verwaltungsvorschriften, die U-Haftvollzugsordnung usw. Der Pfarrer muß sich auch an die Vorschriften halten, sonst fliegt er raus, aber sein Background ist die Religion, die Bibel, die Kirche. Und da ist er zu packen. Denn irgendwann muß er sich mal entscheiden, für wen er da ist, wen er als seine Gemeinde betrachtet: die Gefangenen oder die Bediensteten. Das ist nicht unbedingt schön für den Pfarrer, wenn er zu so einer Erkenntnis kommt. Denn nach der Ideologie, mit der er rein gekommen ist, ist er doch für alle da. Aber bald merkt er, daß das im heutigen Strafvollzug jedenfalls nicht geht. (Vielleicht merkt er’s auch nicht. Dann steht er jedenfalls bald nicht mehr auf der Seite der Gefangenen). Manche meinen auch, der Pfarrer müßte so eine Art Vermittler zwischen den Fronten sein. Das kann sogar manchmal ganz gut klappen, aber auf die Dauer hält das keiner aus, ständig zwischen den Fronten hin und her zu flattern und den Dolmetscher-Engel zu spielen. Und außerdem wird so das Problem total vom Tisch gewischt, daß die Gefangenen eben die von vornherein benachteiligte Gruppe sind, der man (widerwillig) einzelne Rechte zugesteht. Hier den Vermittler spielen ist pervers — auf die Dauer. Es scheint so, als würden das in der letzten Zeit immer mehr Pfarrer begreifen. Ziemlich viele sind deswegen schon (mit faulen Tricks) gefeuert worden, andere haben von selbst aufgegeben. Aber es kommen neue nach. Sie sind bestimmt gewarnt, sich all zu sehr auf die Gefangenen einzulassen. Sie haben mords Angst, was falsch zu machen. Sie wollen aber auch ihre Erfahrungen sammeln, ihre eigenen Erfahrungen. Das ist die Chance. Auch mancher, der schon länger im Geschäft ist, kann noch zuhören und mitdenken und Konflikte aushalten. Sie müssen nur gefordert werden — von ihrer „Gemeinde“, den Gefangenen.
Der Gottesdienst
— für die meisten die Möglichkeit, sich einmal in der Woche zu sehen, Neuigkeiten auszutauschen, auch Hefte und weiß der Geier was, oder einfach ein bißchen aus der Zelle rauszukommen, mal was anderes sehen. Und manche wollen auch einen „ordentlichen“ Gottesdienst haben, möglichst feierlich, mit Blumen, Orgel, Stimmung. Der Pope will irgendwas erzählen und vorlesen, wozu er Ruhe braucht. Ein Vorschlag den man ihm machen kann:
Wir teilen uns den Gottesdienst — vorher und hinterher wollen wir ein Viertelstündchen zum Quatschen haben, und dazwischen sollst du deinen Rummel abziehen. Aber: erzähl uns bitte nicht zu viel von Jesus und vom lieben Gott, verkauf uns nicht für dumm! Und laß es dir gefallen, wenn wir uns in deine Predigt einschalten, wenn uns was nicht paßt. Du hast hier keine sanften Kirchenlämmer vor dir, schon gar keine reuigen Sünder, die nur darauf warten, von dir bekehrt zu werden, sondern Leute mit ziemlichen Problemen — und unser Problem Nr. 1 hier ist der Knast. Wie ist das mit den Beruhigungszellen? Und was sagt die Kirche zum Kontaktsperregesetz? Und warum darf der X nicht zum Gottesdienst kommen? Warum ist am Mittwoch die Freizeit ausgefallen? Mußt du diese Fragen mit deinen frommen Sprüchen zudecken? Dann bist du nicht der richtige Pfarrer für uns. Sagt die Bibel was über Richter, Staatsanwälte und Knäste? Rück mal raus damit, das hast du doch studiert! Hat der Apostel Paulus nicht auch im Knast gesessen? Und war das mit Jesus nicht Justizmord? So dick muß man das natürlich nicht gleich bringen.
Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, mit ihm gemeinsam den Gottesdienst zu planen. Dann können die Interessen der Gefangenen noch viel besser einbezogen werden. Und in der Gestaltung des Gottesdienstes ist der Pfarrer ziemlich frei. Da darf ihm kein Justizminister Vorschriften machen. „Höchstens die Kirche kann ihn zurückpfeifen. Das wird sie aber, meist von sich aus nicht tun.
Arbeitskreise
Manchmal machen die Popen auch ganz gute Arbeitskreise, wo nicht nur rumgelabert und ab und zu Kaffee und Kuchen ausgeteilt wird, sondern wo ganz gute Diskussionen laufen, Leute von draußen eingeladen werden usw. Das kann manchmal ein Stück Hilfe zum Überleben sein. Ist es in so einem Arbeitskreis zu doof, dann kann man immer noch den Versuch machen, da was zu ändern, vielleicht läßt sich der Pope drauf ein, z.B. einzelne Abschnitte aus dem Ratgeber könnte man in so einem Arbeitskreis wunderbar diskutieren, Erfahrungen, die man in der Selbstdiagnose gemacht hat, juristische Probleme etc.
Ob einem ein Pfarrer als Gesprächspartner liegt ist natürlich Geschmacksfrage, es kommt auch auf den Typ an. In der Regel ist es wichtiger, unter den Mitgefangenen Leute zu finden, mit denen man reden kann. Allerdings: der Pfarrer steht unter Schweigepflicht. Das ist manchmal nicht unwichtig. nicht kitten.
In jedem Fall: So groß ist die Auswahl nicht. Es lohnt sich schon, sich den Pfarrer mal anzusehen, ob er einem liegt. Wenn man merkt, daß er außer frommen Sprüchen nichts drauf hat, dann hat man halt Pech gehabt. Außerdem: es gibt ja meistens zwei von der Sorte, einen evangelischen und einen katholischen. Wechselt man eben schnell mal die Konfession.
5.7. Die Gefangenenmitverantwortung oder Mitverwaltung
Hier soll auf die Rolle eingegangen werden,die die „Gefangenenmitverantwortung“ oder „Mitverwaltung“ innerhalb der Gefängnisse und innerhalb dessen, was man nur sehr ungenau mit „Gefangenenbewegung“ bezeichnen kann, spielen.
Gleichzeitig mit den linken Strömungen unter den Gefangenen, die ab 1968/69 mit den Linken draußen, mehr mitgerissen als auf ein gemeinsames Ziel hin, entstanden sind, entwickelte sich innerhalb der Gefängnisse auch eine reformistische Strömung, eine Art von Gewerkschaftsbewegung der Gefangenen — vergleichbar mit den Betriebsräten, wie wir sie kennen. In dieser Zeit entstanden im Gefolge der Justizreformbewegung eine Anzahl von Gefangenenzeitungen in den Anstalten, und es entstanden die Mit Verwaltungen in der heutigen Form, die nach dem neuen Strafvollzugsgesetz von 1977 vorgeschrieben sind.‘
Die Mitverwaltungen werden oft als korrupte Handlanger der Administratoren, der Leiter und Verwalter, bezeichnet. Das ist in dieser Allgemeinheit nicht ganz richtig. Die Mitverwaltungen spiegeln durchaus eine Haltung der Gefangenen selbst wider, die sich damit begnügt, es sich da, wo man ist, einigermaßen bequem einzurichten und die Ordnung der Gesellschaft, Ungleichheit, Eigentum, Ausbeutung, als unabwendbare, wenn nicht sogar vorteilhafte Tatsachen hinzunehmen. Man kann sogar sagen, daß ein großer Teil der Gefangenen im Grunde wenig anders denkt als die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik, nämlich unpolitisch, auf das Nächstliegende im Kampf ums Dasein fixiert, auf die Vorteile, die man für sich selber oder höchstens für seine Familie, koste es was es wolle, erreichen möchte.
Um bestimmte minimale Vorteile durchzubringen, die mit einem noch größeren Maß an Anschmiererei bezahlt werden, an Verlust der Identität der Gefangenen {denn auch die Justiz ist bestrebt, aus dem Gefangenen einen „Mitarbeiter“ zu machen), eignen sich die Mitverwaltungen durchaus — in ihrer jetzigen Form. Aber ihre jetzige Form ist im Grunde nur die Politik, die die Gefangenen selbst machen. Gäbe es unter den Gefangenen eine breite und radikale politische Bewegung, so wären die Mit Verwaltungen ihr Instrument — solange sie nicht von der Justiz wieder abgeschafft würde. Daß die Mitverwaltungen jetzt nur das Instrument der Administratoren sind, liegt nicht an den gesetzlichen Bestimmungen, die sie in Fesseln halten, sondern daran, daß die politische Bewegung der Gefangenen selbst noch nicht entfesselt ist, Es hat also wenig Sinn,die Mit Verwaltungen an sich als korrupt hinzustellen und sie damit ein für allemal auch abzulehnen.
Welche Rolle die Mitverwaltung spielt
Die Mitverwaltung ist von den Gefangenen nicht erkämpft worden. Die Administratoren haben sie vielmehr als eine ganz zweckmäßige Sache selbst zunächst ausprobiert und dann eingerichtet, nachdem alle Experimente damit günstig verlaufen sind. Daß das aus Wohlwollen für die Gefangenen und für ihre Interessen geschehen ist, wird man in der Zeit der Isolationsfolter, Kontaktsperre, Anwaltsverhaftungen, der Debatten über Todesstrafe und Sicherungsverwahrung, der Verbunkerung von Gefängnissen, der gewaltsamen Auflösung des Frankfurter Gefangenenrates usw. nicht glauben können.
Die Mitverwaltung ist für die Administratoren eine Einrichtung, die nach dem Prinzip des „Teile und herrsche“ die Gefangenen spalten und selbst verwalten soll. Wie man mit denjenigen Gefangenen am besten zurechtkommt, denen man mit psychologischen Methoden und den ähnlichen, aber älteren Mitteln der Kirche ein schlechtes Gewissen verschafft, so kommt man mit den Gefangenen insgesamt am besten zurecht, wenn man in ihrer Mitte die Institution, die sie verwaltet, die Anstalt, in verkleinerter Form als Mitverwaltung der Gefangenen, wählen läßt. So erscheint es den Gefangenen, als hätten sie etwas gewählt, was sie gegen die Verwaltung vertritt, während sich in Wirklichkeit in dem, was sie gewählt haben, die Verwaltung gegen die Gefangenen vertreten läßt — durch die „Interessenvertreter“, Wer sich dann beschwert, erfährt, daß er sich gefälligst bei den „Interessenvertretern“ beschweren soll: fürs schlechte Essen, für den ausgefallenen Film, für die schlechte Beheizung sind sie verantwortlich. Die Mitverwaltung ist auch nichts Neues. Sie geht hervor aus einer jahrhundertelangen Spaltung der Gefangenen durch eine Hierarchie von Funktionen, mit der die Kontrolle über sie verstärkt wurde. Die Gefangenen sich selbst mit verwalten zu lassen, hatten schon längst vergangene Regimes entdeckt. Bereits im Mittelalter, mit der Entstehung der Gefängnisse, gab es besonders bevorrechtigte Gefangene, die als Vorarbeiter und Antreiber eine Rolle in dem subtilen Mechanismus der Bestrafung und Ausbeutung Bestrafter spielten.
Zunächst wurde versucht, bestimmte ausgewählte Gefangene aus der anonymen Masse der übrigen herauszulösen und ihr gegenüber zu stellen oder sie als kontrollierende und rückmeldende Sonde in der Masse der Gefangenen zu benutzen: als Aufseher und Antreiber einerseits und als Spitzel, auf den die Ahnungslosen hereinfallen. Im Lauf der Zeit ist man dann schließlich dazu übergegangen, die aus der Gemeinschaft herausgelösten Gefangenen als eine Gruppe von Vertretern der übrigen Gefangenen zu behandeln. Jeder Staat praktiziert in der Gefangenengesellschaft seine eigene Ordnung: der puritanische die gottgewollte Ordnung des Arbeitsmenschen mit dem patriarchalischen Antreiber; der faschistische die Ordnung nach Rassen und die Hierarchie der Befehlshaber bis hinunter in die Familie, also erst recht bis hinunter in die Zelle; und der demokratische sein Prinzip der Übereignung dessen, was man selbst will und tun könnte, nach oben, an die Parteien, an die Regierung, die Behörden, die den Willen des Wählers als Rohstoff aufsammeln und ihn zu dem verarbeiten, was sich in den Aufsichtsratssitzungen und Gremien als zweckmäßig erweist. Auch noch diese Demokratie findet in der reinen Diktatur eines Gefängnisses seine Entsprechung; die Gefangenen wählen — sowohl ihre Abgeordneten, deren Sicherheitsdebatten sie im Rundfunk hören können, wie ihre „Sprecher“, die über den Speiseplan diskutieren. In allen diesen Stadien der Geschichte der Gefangenen kommen die Gefangenen selbst nicht anders zu Wort außer als Karikatur der offiziellen Ordnung; als patriarchalischer, bigotter Antreiber* als „Blockältester“ oder Kapo, oder als der seifenglatte Typus eines heutigen „Interessenvertreters“, dessen Interessen man wohl weiß, aber nicht welche er vertritt. Er verkörpert das demokratische Stadium der Gefangenengeschichte: die Gefangenen nicht mehr als Kettensträfling und Antreiber oder als KZ-Häftling und Blockältesten, sondern als den Wähler und seinen Abgeordneten. Doch mehr als die Geschichte außerhalb der Mauern ist die Geschichte der Gefangenen nach innen gerichtet. Die äußeren Veränderungen sind minimal (das Strafgesetzbuch ist älter als hundert Jahre), dagegen verändern sich die Namen, das Verständnis, die Einbildungen. Diesen falschen Schein über alles auszubreiten, ist eine der hauptsächlichen Funktionen der Mitverwaltung. Schon ihr Dasein, im wörtlichen Sinn, ist Schein, und für noch mehr Schein ist sie da.
Wer verwendet wen?
Es wäre unsinnig, generell, zu bestimmen, was man mit den Mitverwaltungen tun soll — ob man sie bejahen oder verneinen soll, ob man sie wählen soll oder nicht. Dafür kann es jeweils nur situationsbedingte Gründe geben. Denn wenn es Momente gibt, wo die Gefangenen durch ihre Lage gezwungen werden, für etwas zu kämpfen was sie klar erkennen können, dann werden sie auch alles aufnehmen, was sich dafür überhaupt als Hilfsmittel, als Waffe eignet — und sie werden überhaupt alles, was um sie herum ist, als Hilfsmittel und Waffe verwenden können. Warum sollten ausgerechnet die Mitverwaltungen davon ausgeschlossen sein? Die reiche Phantasie, der sichere, erfindungsreiche Instinkt derer, die kämpfen, wird sie in die richtige Stellung bringen, wo sie, zwar dem Namen nach noch dasselbe, im Inhalt jedoch schon etwas anderes sind. Während es jetzt den Administratoren gelingt, mit Hilfe der Mit Verwaltungen die Interessen der Gefangenen gegen die Gefangenen selbst zu verwenden, könnte es einmal sein, daß die Gefangenen einen Teil der Institution gegen die Institution selbst richten und sie damit von innen heraus aufbrechen. Die endlosen Debatten um die Speisepläne und das Radioprogramm bekommen auf diesem Hintergrund, angesichts der Möglichkeit, daß es einmal andere Debatten werden, ihren nüchternen Sinn. Es kann auch dabei bleiben. Es kann aber auch anders kommen. Die Gefängnisse könnten dann einmal nicht die Unfreiheit produzieren, sondern die Freiheit.
3.8. Anstaltszeitung — Gefangenenzeitung
Unter Anstaltszeitungen versteht man die hauseigenen Blätter, welche die Anstaltsleitung an die Gefangenen verteilen läßt und die sich auch den Anschein von Gefangenenzeitungen geben. Sie werden oft von der Mitverwaltung hergestellt, unter der Oberaufsicht eines Fürsorgers, Psychologen oder Oberlehrers. Im Normalfall sind es nicht mehr als Speisepläne und ein Organ für die Tagesbefehle der Anstaltsleitung. Diese Verlautbarungen von oben sind dann noch ergänzt durch die Verlautbarungen der Mitverwaltung, die den Gebrauch von Mülleimern, Putzlappen, Seife oder auch des Radios regeln, für das sie das Programm bestimmt. Manchmal schwellen diese Anstaltszeitungen zu einer beachtlichen Dicke an und geben sich den Anspruch einer eigenen Meinungsbildung der Gefangenen. Sie enthalten Schwulst. Ihr Seifenwasser „konstruktiver Kritik“ ist derart verdünnt worden, daß nichts Echtes mehr übrig bleibt. Es sieht eben so aus wie eine Meinung, wenn alle Meinungen mit einer Ausnahme verboten sind.
Es lohnt sich also nicht, an solchen Anstaltszeitungen mitzuarbeiten. Die sparsame Kritik, die man zwischen die Zeilen einfließen lassen könnte, wird bei weitem aufgewogen durch die Masse an konformer Anschmiererei. als der Versuch, sie irgendwie beeinflußen zu wollen. Allerdings werden sich wohl immer welche finden, die dafür ihren Namen und ihre „Meinung“ hergeben werden, wie es auch immer welche geben wird, die sich als „Gefangenenvertreter“ gegen die Gefangenen einsetzen lassen. Die einzige mögliche Alternative zu solchen Anstaltszeitungen wäre der Versuch, eine Gefangenenzeitung zu machen, in die sich Administratoren nicht einmischen können. Dieser Versuch ist natürlich von vornherein gegen die Interessen der Administratoren und der Kollaborateure gerichtet, und die Administratoren werden auch das harmloseste Erzeugnis einer „freien Meinung“ der Gefangenen wie ein schweres Delikt verfolgen.
Ein eigenes Schicksal zu haben, ist in dem Staat, in dem so vieles andere erlaubt ist, das schlimmste Verbrechen. Es ist ein Verbrechen der falschen Meinung. Es schließt alle anderen Verbrechen ein, bzw. macht sie erst möglich. Es ist also nur.konsequent, wenn in den Gefängnissen vor allem die freie Meinung unterdrückt wird. Was draußen mittels ununterbrochener Information geschieht, versucht der Knast mit Brachialgewalt: Zensur, Beschlagnahmung, Bunker. Und wo keiner mehr den Mund aufmacht, spricht umso lauter der Anschmierer.
Der „Samistad“
Eine Gefangenenzeitung herzustellen, kann von jedem unternommen werden — von einzelnen, von einer kleinen Gruppe auf einer Station. Der „Samistad“ ist dabei für uns vorbildlich.
„Samistad“ ist ein russisches Wort und wird gebraucht als Bezeichnung der Untergrundliteratur, die in der Sowjetunion kursiert. Das sind alle die Schriften, die niemals Aussicht haben, von der offiziellen Presse und den Partei-Verlagen gedruckt zu werden: Artikel, Nachrichten, Chroniken, Bücher. Sie werden zunächst in einigen maschinegeschriebenen Exemplaren verbreitet, und diese Abschriften vermehren sich dann durch immer neue Abschriften. Es gibt eine Art Verpflichtung der Samistad-Leser, daß sie ihr Samistad-Exemptar mit mehreren Durchschlägen abtippen und weiterverbreiten. Auf diese Weise entstehen aus wenigen „Originalen“ hunderte und tausende von Abschriften.
Es ist also eine Literatur unter der Bedingung der Kontrolle, die ein Staat über die Literatur ausübt. Eine totale Kontrolle über Geschriebenes herrscht im Gefängnis. Eigen dich könnte man annehmen, daß es dann auch hier so etwas wie einen Samistad geben müßte.
Es gibt ihn, allerdings in noch sehr unentwickelter Form. Es gibt zum Beispiel die mit Durchschlägen vervielfachten Flugzettel, die als Kassiber geschmuggelt werden, und es gibt regelrechte primitiv gemachte Zeitungen, die immer wieder neu auftauchen, von den Lesern immer wieder abgeschrieben und weitergegeben werden, bis sie in einer Razzia und Verlegungsaktion ihr Dasein beenden — um anderswo wieder aufzutauchen. Zwar haben sie kein langes Leben und sie sind auf ein paar Seiten beschränkt, aber immerhin gibt es sie und damit schon so etwas wie eine „Literatur“ im Untergrund des Knasts,
Oft werden auch Texte abgeschrieben, die den Umfang einer Broschüre haben, und auch Bücher — Lebensgeschichten über hunderte von Seiten, die nie eine Aussicht haben, irgendwo gedruckt zu werden, weil sie nicht in die Zielgruppenanalyse eines Verlages passen und nicht den Erwartungen des kultivierten Publikums, daß Gedanken immer schön sein müßten, entsprechen.
Es gibt kaum eine Gruppe der Gesellschaft, die mehr zur Weltliteratur beisteuern könnte als die, die nicht zu Wort kommt.
Zum Abschluß noch ein paar technische Ratschläge:
Eine Schreibmaschine ist zur Herstellung einer Zeitung wohl notwendig. Wenn man keine eigene hat, sollte man jemanden finden, der die Texte abtippen kann. Es sollte ein Maschine sein, die scharfe (und nicht breite, abgeplättete) Typen hat, womit man dann mehr Durchschläge machen kann. Dafür nimmt man dünnes Papier, Durchschlagpapier. Man bekommt es im Knast beim Einkauf, ebenso das Kohlepapier.
Wenn du eine Schreibmaschine hast, kannst du damit auch drucken. Notwendig ist allerdings, daß die Maschine — wie oben schon gesagt — spitze Typen hat. Man spanne ein Kohlepapier in die Maschine (am besten noch einige Blatt Papier unterlegen) und beschreibt es — bei ausgeschaltetem Farbband — auf der Vorderseite, wo das Kohlepapier meistens einen Reklameaufdruck hat. Auf der Farbseite kann man nicht schreiben, weil man dann den geschriebenen Text nicht sieht. Dann streicht man etwas Ölfarbe (schwarz oder jedenfalls dunkel) auf eine glatte Fläche. Die Ölfarbe kann man sich über eine Bastelgenehmigung besorgen. Am besten eignet sich natürlich Druckfarbe. Schlechter verwendungsfähig ist Plakatfarbe, aber vielleicht kann man sie mit anderen Substanzen so mischen, daß sie ähnliche Eigenschaften (Zähflüßigkeit, nicht schnell trocknend) annimmt wie Druckfarbe. Man muß eben probieren. — Über die Farbmasse, die man gleichmäßig verstreicht, legt man dann das Kohlepapier. Die Schreibmaschine hat ihre Typen so in das Kohlepapier eingeschlagen, daß man es — vorausgesetzt man hat die richtige Farbe — in der An des Schablonendrucks als Schablone verwenden kann. Das Kohlepapier legt man mit der Farbseite nach oben auf die Farbe und drückt es dann fest, Dann braucht man nur noch ein Blatt nach dem anderen auf das Kohlepapier zu legen und mit dem Handrücken darüberstreichen. Der Abdruck auf dem Papier ist zwar ziemlich unscharf und nicht gerade schön, aber man kann ihn lesen. Das ist die Hauptsache dabei. Wenn die Farbe gut ist und man nicht zu stumpfe Typen in der Maschine hat und außerdem der Zeilenabstand nicht zu eng ist, kann man von einem Farbauftrag die Schablone vorsichtig von der Farbe wegnehmen, neue Farbe verstreichen und die Schablone wieder drauflegen. Rings um die Schablone legt man am besten eine Umrahmung aus Papier, um die zu bedruckenden Blätter am Rand sauber zu halten. Wichtig: Beim Tippen so fest auf die Tasten schlagen, daß jeder Buchstabe durch die Kohlepapierschablone geschlagen wird.
Auch eine normale Illustrierte oder Tageszeitung kann zum „Samistad“ werden, wenn sie von den Lesern „kommentiert“ und weitergegeben wird.
3.9. Zum Verhältnis „politische“ Gefangene — „soziale“ Gefangene
Innerhalb der Protest- und Widerstandsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre gehörte der Knast zu den Institutionen, gegen die sich die Kampagnen richteten. Denn er stellte sich bald als Bedrohung für diejenigen dar, die sich in radikalisierter Form an dieser Bewegung beteiligten. Der Begriff der „politischen Gefangenen“, der sich auf eine alte internationale Tradition stützt, kam auf, als es im Zuge der großen „Terroristen-Jagden“ zu zahlreichen Verhaftungen, zu jahrelanger U-Haft unter härtesten Haftbedingungen und schließlich nach vom Staat und den Medien geführten politischen Schauprozessen zu politisch begründeten hohen Haftstrafen kam.
Gefangene, die wegen „gewöhnlicher“ Rechtsverstöße in dieser Zeit inhaftiert waren, berichten, daß Ansehen und Einfluß der Gefangenen, die den Stadtguerilla-Gruppen „Rote Armee Fraktion“, „Bewegung2. Juni“ u.a. zugerechnet wurden, auf Grund ihres Kampfes gegen die Haftbedingungen im Knast, nicht gering war. Die ersten großen Hungerstreiks, die vor allem von den Gefangenen aus der RAF geführt wurden, bezogen sich auch auf die Bedingungen, unter denen alle Gefangenen zu leiden haben. Die Forderungen beinhalteten die Gleichsteilung der politischen mit den übrigen Gefangenen und darüber hinaus Mindestgarantien für den Regelvollzug, also für alle Inhaftierten.
Die Situation hat sich inzwischen geändert: Die Strategie des Staatsschutzes und seiner Presse hat den Hungerstreik zur stumpfen Waffe werden.lassen — nachdem am 9.11. 1974 Holger Meins an den Folgen seines Hungerstreiks gegen Isolationshaft und Sonderbehandlung starb.
Die in den späteren Hungerstreiks von Gefangenen aus der RAF formulierten Forderungen nach Anerkennung als Kriegsgefangene bzw. Gewährung der Mindestgarantien der Genfer Konvention ist bei vielen „normalen“ Gefangenen auf Befremden gestoßen — vor allem auch bei denjenigen, die selbst seit Jahren im Knast Widerstand leisten — auch wenn sie wegen „unpolitischer“ Delikte inhaftiert worden waren. Seitdem wird auch infrage gestellt, daß diejenigen, die auf Grund ihres politischen Kampfes inhaftiere wurden, die Bezeichnung „politischer Gefangene“ für sich allein in Anspruch nehmen können. Dennoch, es bleibt der Sonderstatus dieser Gefangenen:
Ihre Vorgeschichte — bereits draußen „genießt“ du als politisch Aktiver, als Linksradikaler eine Art Sonderstatus.
Ihre Haftbedingungen — die allerdings auch jeden anderen Gefangenen treffen, der konsequent „Sicherheit und Ordnung der Anstalt“ gefährdet. Ihre sozialen und politischen Zusammenhänge draußen — die Kontakte zu der eigenen politischen Gruppe, zu Unterstützungskomitees, zu Genossen von früher. Und schließlich auch ihr Ansehen unter den Mitgefangenen — sei es von Distanz und Fremdheit oder von Sympathie und Bewunderung bestimmt. Im folgenden einige Erfahrungen aus der Sicht eines „politischen Gefangenen“:
„Politische Gefangene“ — „normale Knackis“
Diese Unterscheidung ist grundsätzlich problematisch. Sehr viel praktischer, unabhängig von „ideologischen“ Überlegungen, wird uns die Einteilung in Polit-/Normalknacki jedoch von der anderen Seite aufgezwungen; insofern als jeder, der als Politischer, Widerstandskämpfer, „Terrorist“ einfährt, automatisch in den Genuß von Sonderbehandlung gerät. Um einen besonderen Status kommt der/die Politische nicht herum, was in der Regel heißt: Erstmal eine ganze Weile Isolation („verschärfte Einzelhaft“) Knast im Knast. Erst nach geraumer Zeit kommst du mit „normalen“ Knackis in Kontakt. Wenn überhaupt. Die Sonderbehandlung sieht je nach Knast verschieden aus. Obligatorisch dürfte sein: zusätzliches Vorhängeschloß an der Zellentür; du machst alles allein, Hofgang, Duschen, Einkauf, Arzt; alle Gemeinschaftsveranstal­tungen fallen flach; die Nachbarzellen sind nicht belegt; Fliegendraht vorm Fenster . . .
Du bist dann schon bekannt wie ein bunter Hund. Die Knackis sehen dich ja zum Beispiel — zunächst einige — vom Fenster aus beim Hofgang. Sowas ist Knastgespräch, wer da verschärfte Einzelhaft hat. Und warum. Während der Iso kriegst du auch mehr oder weniger offene Solidaritätsbeweise der übrigen Gefangenen mit. Was nur selten als politische Sympathiekundgebung gemeint ist; das ist eher zu verstehen als „menschliche“ Geste einem gegenüber, der unmenschlich behandelt wird. Denn daß Isolation mörderisch ist, wissen die Knackis sehr genau.
Wie die Solidaritätsbekundungen im einzelnen aussehen, ist je nach Knast und Örtlichkeit verschieden; mindestens bekommst du bisweilen aufmunternde Sprüche zugerufen oder es zeigt dir jemand eine Faust.eine Zeitung, Kartenspiel oder so versucht reinzuschmuggeln. Es ist oft überraschend, welche Phantasie die Knackis dabei entwickeln. Beim ersten direkten Kontakt zu deinen Mitgefangenen — wie gesagt, meist nach einer Phase der Isolation — passiert folgendes: Du wirst von einer Woge ungeheurer Neugier („n richtiger Terrorist“) vermischt mit einer guten Portion Sympathie überschwemmt. Die aber recht bald abebbt. Und dann einem allgemeinen Unverständnis bis Empörung weicht, was die Unsinnigkeit der schikanösen Sonderbehandlung angeht. Nur die Gefahr für dich: Du gerätst in eine Art Euphorie. Und siehst nicht, zunächst jedenfalls, daß die soziale Organisation des Knasts im wesentlichen auf Mißtrauen aufgebaut ist. Hast Illusionen, daß alles unheimlich dufte „Genossen“ sind. Von dieser Euphorie wissen die Bullen natürlich auch und nutzen sie möglicherweise aus. Regelrechte Feindseligkeit aus einer allgemeinen Ablehnung gegen „Terroristen“ gibt’s sehr selten. Auch wenn in den Massenmedien solch ein Unsinn penetrant behauptet wird. Vor allem, wenn du mit den Leuten direkt Kontakt hast, verflüchtigen sich Vorurteile dieser Art sehr bald. Womit du auf jeden Fall rechnen mußt: daß die Gefangenen, mit denen du dich unterhältst, von den Schließern oder gar den Bullen ausgequetscht werden, was du fürn Typ bist, was du so erzählst etc. Ferner wird — auch wenn’s nicht auffällt! — sehr genau registriert, mit wem du Kontakt hast.

Dieselben Spaltungsstrategien wie draußen
Nach der ersten Euphorie kommt bald die Ernüchterung: Daß der Knast ein verkleinertes Abbild der Gesellschaft ist, ist so richtig wie banal; Daß das aber konkret auch bedeutet, daß im Knast dieselben Spaltungsstrategien angewandt werden wie draußen — mit Erfolg! —, daß Gefangenen ihre eigene Kolonisation im Schädel mitproduzieren ~ das ist schon eine der greulichsten Erfahrungen im Knast.
Andererseits ist manchmal erstaunlich, was die Knackis so von dir wegstecken. Nicht daß du dauernd am „Agitieren“ wärst — Unsinn. Dazu hast du eh keine Gelegenheit. Aber einfach aus deinem Verhalten ticken die eine ganze Menge. Auch was das auf sich hat mit dem, was sie im Femsehen von den „Terroristen“ mitkriegen.
Wenn die „normalen Knackis“ zu offensichtlich mit dir zusammenmachen, werden sie häufig zwangsverlegt. In andere Abteilungen. Regelrecht panisch reagieren die Schließer, wenn einer während der Iso mit dir Kontakt aufzunehmen versucht; was sich sowieso auf Zurufe beschränkt. Das gibt dann für die Knackis nicht selten ein „Hausstrafverfahren“, d.h. Verbot von Gemeinschaftsveranstaltungen, Einkaufssperre oder ähnliches.
Das heißt jedoch nicht, daß allein die Anstalt dafür verantwortlich ist, wenn eine Distanz und Fremdheit gegenüber den Politischen besteht. Die politischen Gefangenen werden von den übrigen Gefangenen immer noch nicht als etwas angesehen, was zum Gefängnis gehört wie sie selbst. Sie sind eine Aus­nahme. Dabei ist es nicht so sehr wichtig, was die politischen Gefangenen für politische Positionen haben, sondern wie sie sich überhaupt verhaken. Sie werden als etwas Exklusives angesehen und beobachtet. Und erst später spielt eine Rolle, was sie meinen. Zuerst spielt nur eine Rolle, wie sie, sich verhalten. Die Politischen werden von den Mitgefangenen auch nicht etwa nur als besonders stark Benachteiligte erlebt. Sie werden oft gleichzeitig als privilegiert angesehen und in gewisser Weise sind sie es auch;
Wahrend die übrigen Gefangenen allenfalls in den widerlichen Seiten der Gerichts­berichterstattung als bloße Objekte der Justiz, als ihr Demonstrationsmaterial, er­scheinen, haben die Politischen draußen eine gewisse Öffentlichkeit, einen Umkreis von Leuten, auf die sie sich beziehen können, die sich jedenfalls mit ihnen identifi­zieren, sie unterstützen. Das haben die „normalen“ Gefangenen nicht. Es sind höchstens einzelne, die sich um sie kümmern — Angehörige, Freunde — meistens nicht einmal das.
Die Politischen haben einen Anwalt — und zwar einen der sich um sie kümmert, was sonst selten ist. Sie werden mit Zeitungen und Geld für den Einkauf versorgt und bekommen Briefe. Alles das also,, was ein normaler Gefangener entweder nur in einem sehr geringen Maße oder überhaupt nicht hat. Die „Privilegierung“ wird also nur durch den eigenen sozialen und politischen Zusammenhang draußen geschaffen und nicht durch die Institution — die alles tut, um das abzuschneiden. Die Haftbedingungen haben sich für alle Gefangenen in den letzten Jahren tatsäch­lich verschlechtert, und manche Gefangenen werden dafür die Politischen irgendwie verantwortlich machen. Auch die ganzen Fahndungen, bei denen keine „Terroristen“ geschnappt, dafür aber hunderte von Autodieben aufgebracht worden sind, spielen da natürlich eine Rolle.
Aber inzwischen ist auch durchschaubar geworden, daß die allgemeinen Verschärfungen nicht nur auf die Politischen abzielen, nicht nur ihnen „zu verdanken“ sind, sondern überhaupt garantieren sollen, daß die Knaste auch morgen noch regierbar bleiben.
Zur Zeit muß auch noch eine andere Gruppe von Gefangenen als Vorwand für die immer weitergetriebenen Haftverschärfungen herhalten: Es sind die wegen Drogengeschichten Einsitzenden. Vielleicht werden es morgen die Ausländer sein.

3.10. Sexuelle Beziehungen im Männerknast
Wir haben zu diesem Thema drei sehr unterschiedliche Beiträge zu­sammengestellt:
Im ersten Beitrag beschreibt ein Gefangener wie er die Unterdrückung der Sexualität erlebt und wie er darauf reagiert („Das Gemeinste am ganzen Knastsystem“).
Danach lassen wir — wie es sich bei diesem Thema gehört — auch einen Pfarrer zu Wort kommen, der längere Zeit als Anstaltspfarrer tätig war. Seine Arbeitskreise wurden von den Gefangenen zu Gesprächen über dieses Thema genutzt. Auf das, was dort an Fragen und Problemen zur Sprache kam, geht dieser Beitrag ein („Sex im Knast“). Im letzten, etwas abstrakteren Beitrag setzt sich ein ehemaliger Gefangener damit auseinander, wie sich die Sexualität unter den Bedingungen des Eingesperrtseins verändern kann. • Die Sexualität im Gefängnis existiert in den Beschreibungen der kriminologischen Fachbücher und Zeitschriften nur in Gewalttätigkeiten, Vergewaltigungen, Prostitution, Perversion. In dem Beitrag wird dies als „Sexualität der Justiz“ erkannt, der eine Sexualität der Gefangenen entge­gengesetzt wird, die auch die Verteidigung, den Widerstand gegen ein lebensfeindliches Prinzip enthält („Die Veränderung der Sexualität“). Im ganzen Abschnitt ist nur von Männern die Rede; Erfahrungen von Frauen mit der „Liebe im Knast“ sind im Frauenteil unter Abschnitt 6.1. zu finden.
Das Thema Sexualität im Knast war ursprünglich überhaupt nicht vorge­sehen, denn das — so schien es uns — gehört nun wirklich nicht in einen „Ratgeber“.
Kein Abschnitt dieses Buches war.unter uns so umstritten, wie dieser: Es sei eine Verhöhnung der sexuellen Einsamkeit und eine Verharmlosung der sexuellen Gewalttätigkeit im Knast wenn hier gepredigt werde, die Selbstbefriedigung zu genießen und die Berührungsängste gegenüber Mit­gefangenen abzubauen. Dies fanden vor allem diejenigen u nter uns, die den Knast nur von außen kennen. Es waren aber gerade die Knasterfahrenen, die darauf drängten, dieses Thema nicht auszuklammern und die sich von den vorliegenden Beiträgen eine entkrampfende, die Verdammnis um dieses Thema etwas lüftende Wirkung versprechen.

Das Gemeinste am ganzen Knastsystem
Au Backe, ja, Sexualität. Die Unterdrückung derselben ist wohl das Ge­meinste am ganzen Knastsystem. Ein unheimlicher Horror, diese völlige Vernichtung der Intimsphäre; schlimmer noch als das Alleinsein, absolut tödlich über einen längeren Zeitraum hinweg —bleibt einem nix weiter als das Wixen. Darüber groß zu jammern wäre falsch. Du m u ß t halt so zu­rechtkommen — und dabei noch versuchen, nicht kaputtzugehen. Allgemeine Regeln fürs sexuelle Überleben lassen sich wohl kaum aufstellen. Ich will versuchen, anhand meiner Figur e i n Beispiel aufzei­gen; wie ich also versuche, damit fertigzuwerden; was ich gegen den Verfall unternehme, Nach fünfzehn Monaten wird die Stimulierung zum Problem. Die Phantasie, die keinerlei Anregungen mehr erfährt, läßt nach. Du stellst auf einmal fest, daß es nicht mehr reicht, an eine bestimmte Braut zu denken, um einen hochzukriegen. Stellt sich also konkret die Frage nach Wixvorlagen. Hast du einen gewissen Bewußtseinsstand bezüglich der sexuellen Unterdrückung in diesem verpissten System erreicht; hast du gar schon versucht, das Wissen um bestimmte Beziehungen zwischen beispielsweise Sex und Aggression oder zwischen Erotik und Werbung etc. in die Praxis umzusetzen — so bedeutet das nun ganz konkret einen Rück­schritt, einen Zurückfall in deine individuelle sexuelle Steinzeit. Du darfst also erotische Stimulierungen nicht mehr aus der Wirklichkeit, von wirklichen Menschen beziehen, sondern nur noch von einer vorgegaukelten Scheinrealität auf Hochglanzpapier, mehr oder weniger ästhetisch abgelichtet.
Das ist finster, sehr finster. Klar, selbst der schlechteste Porno macht dich an, aktiviert deine Triebe — dagegen bist du eigentlich wehrlos. Ich bin über ein Jahr ohne ausgekommen, zehrte noch so lange von meiner Phantasie. Wenn du aber dann feststellst, daß dir deine ganze schöne Phantasie den Schwanz kaum noch bewegt- und dich das geringste Geräusch an der Tür zwingt, wieder von vorne anzufangen — dann muß einfach was geschehen. Dann hast du einen Punkt erreicht, wo du entweder was für dein Überleben tun mußt oder dein Sex geht zum Teufel. Davon abgesehen, daß das stumpfsinnige Onanieren mit halbschlaffem Schwanz sogar zu physischen Defekten führen kann, frustriert ungemein. Es verschafft kein Gefühl der Befriedigung sondern der Verzweiflung, der Trauer. Es macht deine Sehnsucht nach lebendigen Menschen so unendlich groß, daß du davon verrückt werden kannst. Ich bin nach wie vor erbitterter Porno-Gegner, Nachdem ich mich damit Erotik zu erhalten.
Das heißt bevor ich auch nur einmal so‘n Drecksporno, der von Frauenfeindlichkeit und Erniedrigung nur so stinkt, in die Hand nehme, verzichte ich lieber zwei Tage auf die gewohnte Intim-Gymnastik. Glücklicherweise gibt es aber auch erotische Darstellungen, die gut und schön sind; die Sexualität nicht von Erotik trennen. Dazu zählen z.B. gewisse Comix (womit ich nicht den kaputten Frauenhasser Crumb meine) oder Tantra-Darsteliungen.
Naja, erotische Romane gibts dann schließlich auch noch. Was mir noch aufgefallen ist; Daß man hier drinnen viel intensiver über den ganzen Komplex der Sexualität nachdenkt, als dies jemals draußen der Fall war. Und daß das ganz enorme Erkenntnisse mit sich bringt — wenn gezielt und . offen nachgedacht wird. Mir sind jedenfalls schon etliche, hundertmal längst durchgegrübelte Geschichten plötzlich wie nagelneue Seifensieder aufgegangen.
Auch über Homosexualität denkt man auf einmal viel intensiver nach. Der kleine schwule Bursche in dir wird nicht länger verdrängt, sondern du bist auf einmal gezwungen, dich mit ihm zu beschäftigen. Und dann fragst sich auch der eingefleischteste Hetero, ob das Bisherige nun wirklich das Gelbe vom Ei war und wovor er eigentlich immer Angst hatte . . . Soweit ich das bis jetzt übersehe, bedeutet der Knast alles andere als ein sexuelles Eldorado für unsere warmen Brüder. Kaum ein Schwuler zeigt bzw. wagt es, seine Vorliebe für Männer zu zeigen, Schwule im Knast werden oft ähnlich wie Ausländer oder „Kinderficker“ behandelt. Mit einem Schwulen unterhalte ich mich seit einiger Zeit darüber. Ich frage ihn Locher in den Bauch und lerne Etliches — auch über mich selbst, d.h. er stimmuliert mich, über mich nachzudenken.

Sex im Knast
Eigentlich lassen sich ja zu diesem Thema noch weniger als zu anderen konkrete Ratschläge geben. Wir haben aber in Diskussionen im Knast ge­merkt, wie viele zum Teil völlig blödsinnige oder vorsintflutliche Vorur­teile und Ängste sich mit dem Thema auch heute noch verbinden und von
Eltern, Lehrern, Ärzten, aber auch in Büchern und Zeitschriften verbraten werden. Und nicht jeder, der bei dem „Thema Nr. .1″ das Maul weit auf­reißt, ist tatsächlich der große Sachkenner. Wir meinen aber, daß es möglich sein müßte, auch über Sexualität und was einem dabei zu schaffen macht, ganz vernünftig miteinander zu reden, ohne gleich ins Blödeln 2u verfallen. Ich erinnere mich an ein paar Gruppendiskussionen in einem Ar­beitskreis im Knast, die waren wirklich Spitze. Versuch das auch einmal, wenn du ein paar Leute hast, mit denen man vernünftig reden kann. Blende dieses Thema nicht aus, weil’s zu „heiß“ oder zu „doof“ ist. Und wenn je­mand unbedingt seine Wit2-Show abziehen muß: laß ihm den Spaß, lach besonders herzlich, denn er hat’s bestimmt nötig!

Was man sich so unter Sexualität vorstellt
Es gibt einen Kinderreim, der ganz gut beschreibt, was „man“ sich so unter Sexualität, unter „normaler“ Sexualität, vorstellt: „Licht aus, Licht aus‘ Mutter zieht sich nackt aus, Vater holt den Dicken raus, einmal rein, einmal raus, fertig ist der kleine Klaus.“ Nun kann man sich das ja noch ein bißchen ausführlicher und lustvoller ausmalen, was hier so kurz und treffend mit „einmal rein, einmal raus“ um­schrieben wird. Und fast alle Sexfilme, Sexbücher und -witze leben von die­sem einen, unerschöpflichen Thema: die normale Sexualität, das ist der Beischlaf. Der Mann steckt seinen steifen Schwanz in die Mose einer Frau, dann bewegt man sich ein paar Minuten auf- und untereinander, bis es bei einem oder bei beiden Partnern zum Orgasmus kommt. Da gibt es dann noch die verschiedensten Stellungen, ganze Bibliotheken sind schon darüber geschrieben worden.
Im Knast ist diese Form von sexueller Betätigung so gut wie ausgeschlossen — jedenfalls in-der U-Haft und im geschlossenen Vollzug. „Die Unter­drückung der Sexualität ist wohl die gemeinste am ganzen Knastsystem“ schreibt ein Gefangener, „ein unheimlicher Horror, diese völlige Vernich­tung der Intimsphäre; schlimmer noch als das Alleinsein, absolut tödlich über einen längeren Zeitraum hinweg — bleibt einem nix weiter als das Wixen“. Was er hier beschreibt, ist klar: Sexualität könne sich im Knast nur in einer entwürdigenden Ersatz-Form äußern, die eigentlich für jeden „normalen“ Mann unzumutbar sei: ungenießbar wie Ersatzkaffee. Nicht zufällig ist „du Wichser!“ eines der schlimmsten Schimpfwörter im Knast. Wichsen, Selbstbefriedigung, Onanie, Masturbation, Sich-einen-runterhoien usw. usw. — viele Wörter für eine eigentlich sehr natürliche und selbstverständ­liche Sache. Aber die meisten von uns sind von klein auf drauf gedrillt worden: das tut man nicht, das ist bäbä — oder ganz schlicht und besonders wirkungsvoll ein Klaps auf die Finger, wenn sie sich mal unter die Gürtellinie verirrten; zumindest aber ein strafender Blick und die Erklärung, dass man „dafür“ denn doch schon zu alt sei…So fing das bei uns schon im zarten Kindesalter an, ging weiter in der Schulzeit – bis wir schliesslich selbst davon überzeugt waren: sich selbst geschlechtliche Befriedigung zu verschaffen ist Murks, Pfuscherei. Wir tun es, gelegentlich, wenn wir nix besseres finden, und dann hastig, unter der Bettdecke, auf dem Klo. Mit Lust hat das wenig zu tun, man bringt’s halt hinter sich wie Zähneputzen. „In gewisser Weise wirst du während vieler Formen der Selbstbefriedigung durch deine Hände vergewaltigt, und da du der Vergewaltigende bist, richtet sich dein Arger gegen dich selbst“. Wer hat das im Knast noch nicht erlebt, was J.JL Rosenberg da herausgefunden hat: Selbstbefriedigung kann zur Selbstbestrafüng, Selbstvergewaltigung werden. Viele flüchten sich dann in immer aggressivere Phantasien hinein, und ohne das können sie gar nicht mehr zum Orgasmus kommen.
Sich selbst entdecken
Dagegen möchte ich einen anderen Weg vorschlagen: Lerne es, die Selbst­befriedigung zu genießen! Das geht auch im Knast. Wichtig ist, daß du einigermaßen sicher sein kannst, nicht gestört zu werden. Die Zeiten, in denen kaum ein Grüner unterwegs ist, bekommst du schnell heraus. Und wenn du deine Zelle mit jemand teilen mußt, ist es besser, ihr sprecht über eure Art, mit Sexualität umzugehen, als daß es jeder „heimlich“ unter der Bettdecke macht.
Viele benutzen irgendwelche Wixvorlagen, um sich in Stimmung zu bringen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich in die eigene Phantasie zu vertiefen, statt sich mit den langweiligen Illustrierten-Girls anzutörnen. Entdecke deine Phantasie! Erlaube dir, mit deinen Phantasien mitzugehen! Es ist erstaunlich, wohin unsere Phantasie führt, wenn wir uns ihr überlassen.
Und genauso gilt: entdecke deinen Körper! Dazu findest du Anregungen in anderen Abschnitten des „Knastratgebers“, bei den Atmungs- und gymnastischen Übungen. Denke daran, daß deine ganze Haut, nicht nur dein Schwanz, sexuell erregbar ist. Streichele dich an allen möglichen Stellen und lerne dabei, wo du besonders lustvolle Empfindungen hast. Manche können das besser mit Gleitmitteln, mit Öl oder Vaseline oder mit Körperlotions (ohne Alkohol).‘ Weitere Anregungen findest du in den Büchern „Der selbstbefriedigte Mensch“ von V.E. Pilgrim und „Orgasmus“ von J.L. Rosenberg (siehe Bücherliste am Schluß). Wichtiger als eine raffinierte Onaniertechnik ist aber allemal, daß du lernst, nett zu dir selbst zu sein — und das in einer Umgebung, in der kaum einer nett zum anderen ist..

Berührungsängste
Es sieht so aus, als wäre das Problem der Geringschätzung von Homosexu­alität in manchen Frauenknästen schon sehr viel fortschrittlicher, freier er­kannt und diskutiert, als wären schon mehr Lösungsmöglichkeiten erprobt. Zumindest sieht man in Frauenknästen öfter Frauen, die Arm in Arm gehen, sich um den Hals fallen, küssen. Das alles ist in den Männerknästen (noch?) tabu. Es gilt eben als unmännlich, schwul. Dabei wäre zu­mindest das ein guter Weg, aus der totalen Isolierung und Verkümmerung herauszukommen. Wem nützt denn diese Berührungsangst? Gewiß, wir werden anfälliger für den Schmerz und die Trauer bei Verlegungen und sonstige Trennungen, wenn wir intensive, auch körperliche Beziehungen und Berührungen eingehen und zulassen. Aber dieser justizförmige Irr­sinn, daß die Gefangenen selbst alle Zärtlichkeiten unter Gefangenen ver­folgen, lächerlich machen, mit Strafe belegen — der muß irgendwann einmal verschwinden!
Schwule
Als Schwuler wird man im Knast nicht nur durch die Beamten, sondern auch von einem Teil der Gefangenen diskriminiert. Entweder du wirst geschnitten oder — was noch häufiger ist — gehänselt und verspottet. Da gibt es natürlich den Weg, das Schwulsein zu verbergen und zu hoffen, daß es keiner merkt. Es sind aber immer mehr Schwule im Knast auf den Trichter gekommen, daß mit ihrer Unterdrückung oder gar Ausbeutung nur durch ein offensives Schwulsein Schluß gemacht werden kann — sowie dies auch draußen immer mehr Schwule erkennen. Das kann so aussehen, daß du dich mit anderen Schwulen -—natürlich auch Nichtschwulen — zu­sammentust und ihr gemeinsam auf die Spötteleien von Mitgefangenen während der Arbeit oder während des Hofgangs reagiert — selbstsicher reagiert.
Die Beamten verhalten sich meist dann gegenüber den schwulen Gefange­nen zurückhaltend, wenn ihnen klar wird, daß es sonst Ärger auf der. Station gibt.
Ihr könnt die Situation der Schwulen im Knast auch mal zum Thema eines kirchlichen Arbeitskreises, einer Gesprächsgruppe oder einer anderen Gemeinschaftsveranstaltung machen, in die vorher möglichst viele Schwule reingegangen sind. Vielleicht läßt sich auch die Einrichtung einer Nehmt Kontakt zur Schwulenbewegung draußen auf. Im Kontaktadressenteil findet ihr dazu einige Adressen.
Bei dem Kapitel „Sexualität“ wird die Grenze des Knastratgebers besonders deutlich: Wir können eigentlich nur Anregungen geben, das Thema in die ernsthaften Gespräche und Diskussionen im Knast mit einzubeziehen, Leute von draußen einzuladen, die dazu was sagen können, Kontakt mit Gruppen draußen aufzunehmen — und jedenfalls nicht bei der resignierten Feststellung stehenzubleiben, daß die Unterdrückung der Sexualität „wohl das gemeinste am ganzen Knastsystem“ ist.

Die Veränderung der Sexualität
Die Inhaftierung bedeutet auch, daß man von Sexualität abgeschnitten wird, und das bedeutet nicht einfach nur von anderen Menschen abge­schnitten zu werden, zu denen man eine sexuelle Beziehung hat, sondern daß man in einen Zustand versetzt wird, der von vornherein künstlich ist — wie überhaupt der Knast einen Menschen in einen künstlichen Zustand versetzt, nämlich der Isolation von sozialen Beziehungen, der versuchten Aushungerung der emotionalen Beziehungen zu andern. Die Verhaftung bedeutet also vordergründig zunächst einen Verzicht auf Sexualität. Aber gerade das ist nicht der Fall. Denn Sexualität ist etwas so elementarisches, lebensnotwendiges, daß auch die im Knast versuchte Iso­lation sie nicht unterbrechen kann. Der Knast kann sexuelles Bedürfnis vielleicht verbiegen, aber nicht unterbrechen. Das Bedürfnis ändert sich und paßt sich an die veränderte Situation an. Die Situation ist das Einge­sperrtsein. Das heißt, daß man allein gelassen wird mit einem Bedürfnis, das sich auf andere richtet. Dieses Bedürfnis wird sich dann, weil es einfach nicht zu unterbinden ist, auf einen selbst richten.
Man ist also konfrontiert mit einem Bedürfnis, das keinen anderen Ausweg mehr laßt, als sich selber an sich selber zu befriedigen. Die Ängste, die damit verbunden sind, sind ein Teil der Unterdrückung, die ein Gefangener erfährt.
Weniger als in anderen Teilen des Ratgebers kann auf dem Gebiet der Sexualität eine Norm angegeben werden, wie man sich am „zweckmäßig­sten“ verhält. Trotzdem ist es vielleicht eine gewisse Hilfe für den ein­zelnen, wenn ich hier die Situation, wie ich sie erlebt und beobachtet habe, zu beschreiben und in der Beschreibung Lösungsmöglichkeiten aufzuzei­gen versuche. Dabei geht es vor allem darum, Ängste abzubauen und die Sexualität im Knast, also die Sexualität des Einzelnen und die Sexualität die sich auf die Männer richtet, angstfrei zu beschreiben. Denn: Wie man sich verhält und unter welchen Ängsten man leidet, ist auch abhängig davon, wieweit man in der Lage ist, diese Ängste auszudrücken und im Gespräch mit anderen zu klären.
Die Isolation
Das Abschneiden eines Menschen von seiner Gesellschaftlichkeit soll ihn zu dem Zweck der Justiz zur Verfügung stellen. Er soll sich gefügig machen lassen. Das wird versucht mit einer Isolierung — Isolierung von allen seinen bisherigen Lebenselementen. Und wenn ein solcher aus seinen bis­herigen Lebenselementen herausgenommener Mensch in das völlig künst­liche Lebenselement der Justiz versetzt wird, dann bedeutet das erzwunge­ner Verzicht auf einen Teil seiner selbst. Dieser Verzicht wird auch auf sexuellem Gebiet versucht. Doch ein selbst vollzogener Verzicht auf Sexualität bedeutet eine Gefügigkeit auch auf anderen Gebieten. Niemand kann auf ein elementares Bedürfnis verzichten, ohne daß sich sein ganzes Ich verzerrt. Das immer wiederkehrende Bedürfnis, das sich nicht mehr ausdrücken kann, wird sich dann andere Wege zur Befriedigung suchen — in einer scheinbar nicht sexuellen Sphäre, vielleicht auch in der Krankheit.
Die Sexualität der Justiz
Welche Zerstörung die Justiz auf diesem Gebiet mit Menschen anrichtet, kann man auch bei vielen Beamten beobachten, die eine perverse Form der Sexualität, den Sadismus, ausleben. Dafür gibt es erlaubte Gelegenheiten und Riten der Erniedrigung von Gefangenen: die Entkleidung zum Bei­spiel beim Zugang oder die Entkleidung in der Beruhigungszelle. Die per­verse Form der Intimität, die hier geschaffen wird, ist angefüllt mit der unterschwellig sexuellen Vorstellung und Sprache der Beamten. Diese Form der sadistischen Perversion der Beamten ist von der Institution des Knasts in hohem Maße toleriert. Gegen sie gibt es keine Rechtsmittel, sie ist ausdruckslos, und es würde bereits ein Delikt — „Beamtenbeleidigung“ —- bedeuten, sich dagegen in Worten und mit Anzeigen zu wehren. Auf der anderen Seite versucht die Institution Justiz, die Sexualität der Gefangenen zu unterbinden, weil sie die künstliche Vereinzelung durch den Schmutz.
Dem Vorbild der Perversion der Beamten steht die versuchte emotionale Verarmung und Verschuldung der Sexualität der Gefangenen gegenüber. Damit wird versucht, die Gefangenen sexuell zu pervertieren, das heißt auf solche „anständigen“ Ersatzbefriedigungen — auf eine unterschwellige Sexualität, die sich nicht sexuell äußern darf, abzudrängen und dadurch einen Menschen in seinen Ausdrucksmöglichkeiten aufs Äußerste zu be­schränken.
Wer sich darauf einschränken läßt, wird sich vielleicht auf anderen Ge­bieten ebenso gefügig machen lassen. Die geforderte Unterwerfung bedeutet nicht nur die Unterwerfung eines einzelnen Bedürfnisses, son­dern eines Bedürfnisses, das grundlegend für alle andern Bedürfnisse ist.
Phantasie und Sexualität des Einzelnen
Sexualität ist etwas, was sehr viel mit Phantasie zu tun hat, mit Vor­stellung, Erinnerung. In der Isolation bedeutet die Phantasie etwas, was das Leben draußen ersetzen muß, sie bedeutet einen Ersat2 für das Nicht-leben draußen, einen Ersatz für wirkliche Personen, einen Ersatz für Ge­sellschaft. Ohne Phantasie kann Sexualität sich nicht entfalten. Phantasie versucht, sich den andern vorzustellen, sich in den andern hineinzuver­setzen, und sie bedeutet damit einen wesentlichen Teil des Umgangs mit andern. Denn auch draußen ist es so, daß nicht nur die Körper miteinander umgehen, sondern auch die Phantasien.
Die Phantasie kann sich auf den einzelnen selbst richten, und sie kann sich auf andere richten. Sie kann andere als Figuren oder Objekte der eigenen Wünsche erscheinen lassen. Man sollte nicht versuchen, diese Phantasie, weil sie Ängste hervorruft, einzudämmen. Man sollte im Gegenteil ver­suchen., diese Phantasien auszudehnen, sie zu dramatisieren, die Vor­stellung der Nichtvorhandenen und einer nicht vorhandenen Gelegenheit des Umgangs mit ihnen auszubauen, sie zu „inszenieren“. Phantasie ist eines der wenigen Mittel, die einem Gefangenen übrig bleiben, um seine Isolation zu durchbrechen. Es ist zugleich das Mittel, durch das sich seine Sexualität erneuern kann. Es gibt ja nicht nur die Sexualität zwischen Mann und Frau und zwischen Männern, Sondern wenn man davon ausgeht, daß die Sexualität ein Bedürfnis ist, das nicht ohne die Zer­störung eines Menschen zu unterbrechen ist, wie Hunger und Durst, muß man auch die Sexualität des Einzelnen als etwas anerkennen, was unter der Bedingung der Isolation mindestens den gleichen Rang hat wie die Sexuali­tät zwischen Mann und Frau und die Homosexualität. Die Sexualität des Einzelnen ist auch nicht zu verkürzen auf den Begriff Onanie, Selbstbe­friedigung, weil dadurch die ganze Dimension der Phantasie wegfallen würde. In der sexuellen Beziehung mit andern ist der einzelne ebenso einzeln.. Nur durch seine Phantasie ist er mit anderen verbunden. In weicher Weise er durch Phantasie mit anderen verbunden ist, bestimmt wesentlich die Art seiner Sexualität. Man kann also annehmen, daß die Sexuaiität des Einzelnen eine Art Beziehung zu anderen ist, die sich zwar von allen anderen sexuellen Beziehungen unterscheidet, aber trotzdem immer noch eine sexuelle Beziehung ist — und damit gleichrangig mit anderen Formen der Sexuaiität — die sich ja auch nicht beschränken lassen auf Heterosexualität und Homosexualität.

Das sexuelle Bild und die sexuelle Vorstellung
Wie notwendig die Phantasie bei Sexualität ist, zeigt sich darin, daß es auch für sie einen Ersatz gibt: das sexuelle Biid. Es bedeutet eine Verhinderung der. eigenen Phantasie und damit eine Verhinderung der Individualität, wenn etwas so Persönliches wie die eigene Sexualität durch etwas Fremdes wie ein Bild stimuliert wird. Vielleicht ist das der Grund, warum solche stimulierenden Bilder an den Wänden der Zellen von der Institution geduldet werden.
In der sexuellen Vorstellung wird dagegen eine Situation geschaffen, die persönlichen Charakter hat und sich der Kontrolle durch die Institution entzieht..
Die sexuelle Vorstellung hat die Tendenz in sich, sich auszuweiten und zu dramatisieren. Sie ist nicht nur eine Vorstellung vom andern, sondern eine Vorstellung von einem andern Leben mit andern dem die üblichen sexu­ellen Rollen aufgehoben sein können.
Dieser Phantasie sich hinzugeben bedeutet nicht einfach einen Ersatz für Nichtvorhandenes, sondern eine Möglichkeit der eigenen Verwirklichung. Denn je mehr man mit ihr umgeht, desto mehr wird sie sich vernünftig machen, d.h. zum Gedanken über ein verändertes Leben mit andern werden.
Die Phantasie hat die Tendenz, sich einem körperlichen Akt zu widersetzen, sie verzögert unmittelbare Befriedigung und Entspannung durch das Interesse, das sie erzeugt. Auch der Umgang mit Phantasien braucht eine gewisse Übung und Überlegung, und man muß wissen, wie man sich auf Phantasien konzentrieren kann, um sie deutlich wahrzuneh­men. Wie beim Denken bedeutet auch bei der Phantasie Konzentration deutliches Wahrnehmen.
Die vorgestellte Szenerie wird dadurch intensiv und wirklich. Die Beschäf­tigung mit ihr enthält eine eigene Form der Befriedigung, die weit lustvoller ist, als die sexuelle Entlastung ohne Vorstellung.
Die Träume
Die Phantasie, die von der gewöhnlichen Angst im Umgang mit andern ständig gehemmt wird, setzt sich schließlich durch in den Träumen. In den Träumen erscheinen die durch ein unbewußtes Gewissen nur noch gestör­ten Wünsche. Damit erscheint aber auch die Institution, der ein Gefange­ner ausgeliefert ist, in ihrer ganzen Brutalität und Widersinnigkeit. Die Träume nehmen radikal Partei für den einzelnen. Unter Umständen sind sie der einzige Verteidiger, den einer hat. Die Träume sind auch wirk­licher als Gedachtes, Gesprochenes, weil sie ihre eigene optische Wahrneh­mung haben. Sie erscheinen in Bildern und Szenen, in einer eigenen Reali­tät. Diese Realität, die sie hervorbringen, ist vor allem das Bild des Gefäng­nisses, des Gefangenseins.
Die Träume zeichnen dieses Bild so, wie es zur Verteidigung des Gefangenen notwendig ist: als Grausamkeit und Gewalttätigkeit gegenüber einem hilflosen, verängstigten Wesen, einem Kind … Wie die Träume die Realität parteilich verzerren, damit aber nur die Ohnmacht des einzelnen ausdrücken können, so versuchen sie auch, dem einzelnen zu Macht zu verhelfen, je gewalttätiger und grausamer der Zustand ist, den sie widerspiegeln, desto gewalttätiger wird auch die Verteidigung sein, die die Träume vorstellen.
Damit aber erscheint die Gefahr, daß sich die unbewußte Phantasie als Antwort auf die Gewalt, die einem Individuum angetan wird, mit Gewalt­tätigkeit erfüllt und auch die sexuellen Vorstellungen von dieser Gewalt­tätigkeit beeinflußt werden. Die Gewalttätigkeit, die man in sich spürt, er­zeugt dann Schuldgefühle und den Versuch, die aufkommenden Phantasien zu verdrängen und auf diese. Weise loszuwerden. Das Ver­drängte erscheint dann wieder in den Träumen, und damit ist der Kreis ge­schlossen.
Für diese typische Situation des Unbewußten eines Gefangenen eine Lö­sung zu finden, kann hier natürlich nicht versucht werden. Doch gibt es in jedem Fall die Möglichkeit und auch Notwendigkeit, mit den eigenen
Träumen umzugehen. Das ist im Gefängnis vielleicht noch viel notwen­diger als draußen, denn gerade unter extremen Zuständen entstehen extreme Verschiebungen des Gefühlslebens.